Hammer und Zirkel im Ährenkranz – Macht der Gewohnheit

Juni 27, 2009 by Fabian Schwarz

Neulich in aller Frühe. Auf dem Weg mit dem Auto zu einem Termin, bei dem ich viel reden würde müssen. Also, da lag richtig Arbeit vor mir, aber meine Stimme klebte irgendwie noch an meinem Kopfkissen zu Hause. Doch das süße Kissen war mit jedem gefahrenden Kilometer Lichtjahre weiter weg, ob ich es wollte oder nicht. Also mußten ein paar Sprachübungen her. Das sah blöd aus, besonders an roten Ampeln. Allein, meine Stimme schien immer noch fest zu schlafen.

Da beschloss ich, Lieder mit Niveau zu singen. Zunächst fiel mir „Hoch auf dem gelben Wagen“ ein und die Tatsache, dass dies mal launig ein Präsident der alten Bundesrepublik mit Vornamen Walter zum besten gegeben hatte. Wie hieß er noch gleich? Scheel? Egal, die Tatsache, dass ich weder hoch auf einem Wagen saß, noch dass dieser gelb war, sondern blau, ließ meine Stimmbänder offensichtlich zur der Erkenntnis gelangen, dass es absolut keinen Grund gab, die knautschig verklebte Gemütlichkeit aufzugeben.

Deshalb besann ich mich auf ein Mittel, das bis dato noch immer geholfen hatte: DDR-Lieder! Ich vergewisserte mich, dass die Fenster im Auto geschlossen waren. Und dann schmetterte ich der Frühlingssonne das Weltjugendlied entgegen, so gut ich es konnte. Kaum Atem geholt, aber bereits ein bisschen „immer bereit“, wie es die Pionierorganisation im Osten stets gefordert hatte, schmiss ich dann noch die absolute Perle meiner gesanglichen Chor-Ausbildung der DDR hinterher – das einzigartige Lied zur Fahne der ostdeutschen demokratischen Republik: „Hammer und Zirkel im Ährenkranz

In dem Lied geht es darum, dass Schmiedehämmer, klug geführte Zirkel am Reißbrett und eine durchdachte Aussaat der Ähren dafür sorgen, dass der DDR ein Glück bereits an der Wiege beschert wird und ihr Ruhm sogleich über die Grenzen des Vaterlandes ausstrahlt. Schwerer Tobak, aber das ganze wird in einer Art Hymne besungen, die es in sich hat, da sie sich Schritt für Schritt aufschwingt zu nicht enden wollendem Jubel. Jedes mal, wenn ich dieses Lied fertig gesungen habe, stoße ich daher automatische Hoch-Rufe auf Erich Honecker an, obwohl ich einer sehr systemkritischen Familie entstamme, die bereits 1988 die DDR verlassen hat.

So geschieht es auch diesmal: ich krakele noch völlig gelöst den Ruf der Freien Deutschen Jugend „Freundschaft“ heraus, als ich die Autotür öffne und mich schließlich daran erinnere, dass wir nun schon mindestens 20 Jahre in einer neuen Zeit leben, die auch ich in ihren Grundzügen so gewollt habe. Aber was solls: meine Stimmbänder sind aus ihrer Nachtruhe erwacht: Macht der Gewohnheit…

Wengler – darauf hat Neukölln gewartet!

Februar 10, 2009 by Fabian Schwarz

Auf diese Art von Werbung haben es Jutta Wengler und ihr Mann bestimmt nicht abgesehen. Da ist ein Blog so tot, wie ein Blog nur tot sein kann im schnelllebigen Alter des „Web 2.0“. Und nun will dieses Blog ausgerechnet mit Reklame für ein neues Neuköllner Restaurant wieder an Aktualität gewinnen.

Doch sei es drum. Weil der Inhaber des Blogs gerne gut isst, möchte er hier freimütig für eine neue, ehrliche Neuköllner Instanz in der Reuterstraße werben. Eine Instanz, die sich Einheimische wie Du und Ich schon lange im Kiez gewünscht haben. Hier gibt es Wiener Schnitzel, Bauernfrühstück, aber auch Röstitaler mit Lachs zu realen Preisen. Zudem werden Leber auf Salat, Käsespätzle und Variationen vom Schnitzel angeboten. Zu all diesen Gerichten wird ein gepflegtes Bier gezapft oder ein stimmiger Wein gereicht.  Das ist  einfach “knorke”! 

Und der Clou: das Restaurant belebt nicht nur das Herz von Neukölln, sondern ist auch ohne Stufen zugänglich. Außerdem wird Menschen mit Sehbehinderungen gern geholfen. Ein einziger Wermutstropfen bleibt: die Toiletten sind für breitere Rollstühle leider nicht geeignet.

Und wenn auch nicht alle Barrieren vom sehr freundlichen Personal aus dem Weg geräumt werden können, ein Besuch des „Wenglers“ sei hier dennoch wärmstens emfohlen. Kontakt: Wengler, Reuterstraße 85, 12053 Berlin. Telefon: 030 / 62 00 59 55

 

 

Sp(r)itzenleistungen? Die paralympischen Wettbewerbe in Beijing

August 10, 2008 by Fabian Schwarz

Sie haben also wieder begonnen: die olympischen Sommerspiele der gesunden athletischen Körper. Und sie dauern vom 8. bis 24. August 2008. Die Sommerspiele der behinderten Körper dagegen finden vom 6. bis 17. September 2008 statt. Sie heißen wie gewohnt Paralympic Games,  zweckmäßig mit dem Zusatz ihres Austragungsortes versehen – also: Beijing Paralympic Games 2008.

Bei längerem Nachdenken irritiert mich der Name ein wenig. Die Endung „-lympics“ klingt in Erinnerung an die sommerlichen Sportspiele der Nichtbehinderten ja noch recht passend,  stammt sie doch vom englischen „O-lympics“. Aber was meint wohl die Vorsilbe „para“? Schaue ich auf den Seiten der deutschsprachigen Wikipedia nach,  so wird mir für „para“ unter anderem der Spitzname einer Waffe im Online-Spiel „Counter Strike“ vorgeschlagen oder eine Kurzform für französische Fallschirmjäger.

Vom französischen Fallschirmjäger aus tasten sich meine Assoziationen über verunglückte Absprünge rascht zum Begriff “Querschnittslähmung” vor, und tatsächlich heißt „Para-plegic“ soviel wie „gelähmt“. Aber waren die Paralympics bei ihrer Erfindung im Jahre 1948 nur eine Veranstaltung für Gelähmte? Von dem, was das Internet dazu ausspuckt, ist davon auszugehen,  dass dies mindestens bis zu den „Paralympics“ 1960 in Rom der Fall war.

Und noch etwas irritiert mich. Bei all den vielen Doping-Vorwürfen in letzter Zeit habe ich einfach mal inne gehalten und mir das Magazin „Achtung positiv! Das Doping-Webmagazin“ der ARD zu Gemüte geführt. Und welcher Bereich des Sports ist demnach wohl führend im Doping? Nein, nein, nicht der Radsport. Der kommt erst auf Platz 5. Vor allen anderen Sportarten sind es ausgerechnet die paralympischen Sportarten, bei denen die meisten Dopingfälle auftreten.

Zu dieser pikanten Erkenntnis passt eine Meldung vom 1. Juli 2008. Dort heißt es : „Dachverband der Apotheken unterstützt die paralympische Bewegung“. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt und sich fragt, ob wir uns bei den paralympischen Sommerspielen in Beijing am Ende gar über noch mehr Sp(r)itzenleistungen als bei den gerade begonnen o-lympischen Spielen freuen werden.

Vielleicht ist es aber auch nur so, dass es leichter ist, behinderte Sportlerinnen und Sportler zu kontrollieren. Oder die paralympische Bewegung verfügt noch nicht über genug Ressourcen, um Doping mit der nötigen Dezentheit umzusetzen wie es in anderen Sportarten längst üblich sein mag. Wer weiß, wer weiß…

Schmerzfreie Nacht

Juni 24, 2008 by Fabian Schwarz

Heute war mein neuer E-Rolli im wahrsten Sinne des Wortes so „alle“, dass fast nichts mehr ging bzw. fuhr.

Ich hatte darauf spekuliert, dass die Spannungsanzeige der Batterie wie in der Bedienungsanleitung angegeben alle vier Kilometer ein Signal über die abnehmende Ladung liefern würde, aber genau das tat sie nicht. Während im so genannten „grünen Bereich“ das Erlöschen einer kleinen grüne Leuchte tatsächlich etwa alle vier Kilometer den Fortgang des Entladens signalisiert, kann ich mich auf diese Logik im gefährlichen „roten Bereich“ offensichtlich nicht verlassen. Hier gehen die Spannungsanzeigeleuchten scheinbar schon nach höchstens zwei Kilometern aus. Blöderweise gibt es nur zwei kleine Lichtlein im „roten Bereich“, während der grüne Bereich geradezu robust ausgestattet ist mit fünf Leuchten. Dass die zwei letzten Lichter so schnell ausgehen würden, damit hatte ich einfach nicht gerechnet.

Nun, ich schaffte es mit Mühe und Not, den ausgepumpten E-Rolli nach Hause zur rettenden Steckdose zu bugsieren. Weil ich noch wichtige Einkäufe zu tätigen hatte, nahm ich dann kurzerhand den alten E-Rolli und fuhr los. Dieser Rollstuhl fährt mit 6 Kilometern in der Stunde nur halb so schnell wie der neue Stuhl, deshalb kam ich mir auf einmal unendlich langsam vor.

Die vermeintliche Langsamkeit hatte aber auch ihre Vorteile – ich nahm mehr Details wahr. So hätte ich im Geschwindigkeitsrausch von 12 Kilometern pro Stunde wahrscheinlich nie die suchende Frau erblickt. Sie suchte einen Hauseingag „gegenüber von dem Spielplatz, der an einen Park grenzt.“, wie sie mir sagte. Ich gab mich ortskundig und begleitete sie für eine kurze Weile in die richtige Richtung. Als wir schließlich am gesuchten Spielplatz vorbeifuhren, wies ich darauf hin, dass sie nun am Ziel sei und wünschte ihr einen guten Tag.

Die Antwort kam prompt: „Na, sie kennen sich hier ja aus! Aber sie fahren ja sicher auch den ganzen Tag in diesem Viertel umher. Da weiß man ja automatisch, wo welche Ecke ist.“ Bevor ich protestieren und darauf verweisen konnte, dass es nicht wirklich meine große Leidenschaft ist, jeden Winkel meines Viertels mehrfach täglich zu ergründen, rief die Dame noch hinterher: „Ich wünsche Ihnen eine schmerzfreie Nacht, damit sie sich endlich einmal ausruhen können!“ Ein paar Schmerzen habe ich tatsächlich gerade – na ja so Zipperleins am Rücken. Aber ob sie die wohl gemeint hatte? Verdattert fuhr ich weiter.

Nööö, oder?

April 8, 2008 by Fabian Schwarz

Da wollte ich also endlich meine erste Homepage anmelden in diesen lääängst vergessenen Tagen des letzten Jahrhunderts. Aber sowohl “fabianschwarz.de” und auch “fabian.schwarz.de” waren 1999 nicht mehr zu haben. Deshalb hatte ich mich für den damals in meinen Ohren dynamisch klingenden Titel “go-fabianschwarz.de” entschieden. Was für ein großartiger Fehltritt!

So richtig glücklich war ich mit dem “Gohoo fabianschwarz Punkt de-ee” nie. Das klang immer ein wenig nach Marktschreierei bzw. nach Rummelplatz. So als würde ich für ein Karusell werben: “Fahren Siiieee Gohoo fabianschwarz Punkt de-eee! Denn das ist Spitze, das ist klasse! Und die Chips gibts an der Kasse!” Immer wenn ich damals meinen Professorinnen und Professoren im Psychologie-Studium meine etwas gehetzt wirkende Homepage buchstabierte, konnte ich mir deshalb ein nervöses Wimpernzucken nicht verkneifen.

Die damalige Homepage ist längst wieder abgeschafft. Aber wenn ich jetzt – in einem Anflug von Sentimentalität – an diese meine Pionierzeit des Internets zurück denke, google ich selbstverliebt hin und wieder  die damals vergebenen Adressen. Und siehe da: die Dingerchen sind wieder frei! Dann sage ich mir: “Nööö, oder?” Da hatten meine Konkurrenten also vielleicht schon längst aufgegeben, während ich mit meinen damaligen Webseiten noch eine Runde im “Gohooo-Dingsda”-Karusell gedreht habe.

Naja… Aber was hätte ich wirklich anders gemacht, wenn meine Internet-Adresse nun stolz “www.fabianschwarz.de” geheißen hätte? Wäre ich dann nicht auf ein eigenen Blog und das gelegentliche Bloggen umgestiegen? Hätte ich die wohlklingende Internet-Präsenz mit meinen mehr schlecht als recht anmutenden HTML-Kenntnissen über Jahre und Jahrzehnte wirklich tapfer verteidigt? Ich glaube, darüber muss ich noch eine Runde schlafen … In diesem Sinne: Gute Nacht!

Da glüht was im Berliner Kabel!

April 6, 2008 by Fabian Schwarz

Der Internetsender “Ohrfunk.de” ist im Berliner Kabel angekommen. Auf der Frequenz 90,80 MHz kann man Ohrfunk nun auch im Berliner Kabel hören, ohne den guten alten oder neuen Computer anwerfen zu müssen. Das ist schön, denn so können auch Leute dem Ohrfunk lauschen, die keinen Rechner haben oder es einfach nicht mögen, Radio über den Computer zu hören.

Allerdings halten sich die Macherinnen und Macher dieses Projektes, die Mitglieder der Medieninitiative blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland (MIBS) e. V., bedeckt darüber, ob dieses Angebot nun für Dauer ist und wann gegebenenfalls auch andere Regionen in den Genuß von “Ohrfunk” im Radio-Kabel kommen werden. Bis jetzt war nur zu hören, dass es sich um eine Test-Phase handeln würde, die auch wieder abgebrochen werden könne. Genaueres ist zur Zeit nicht zu erfahren.

Egal wie lange diese Testphase nun dauern sollte: es macht auf jeden Fall Spaß, Ohrfunk auf der heimischen Stereoanlage zu lauschen – ohne das Geräusch des Lüfters vom PC im Hintergrund.

Nochmals Rollstühle und Co

Januar 25, 2008 by Fabian Schwarz

Die Sache mit dem Vergleich von Hilfsmitteln ist mir auch im neuen Jahr noch ein Anliegen. Es heißt doch immer so schön, der Kunde bzw. die Kundin sei König. Warum soll dies nicht gelten für Menschen mit Behinderung?

Irgendwann in den 80er Jahren, oder waren es schon die 70er Jahre?, sagte ein kluger Kopf der entstehenden Behindertenbewegung: wir wollten nicht mehr lieb, doof und gut zu verwalten sein! Ein hehres Ziel, das ich so im Großen und Ganzen natürlich unterstütze!

Aber immer dann, wenn es um die Beschaffung einen neuen Rollstuhl ging, habe ich mich bis vor kurzem genau so NICHT erlebt und ganz furchtbar gekniffen. Denn dann trat ich genau so auf, als wäre ich als Behinderter lieb, doof und ungemein einfach zu verwalten.

So freute ich mich jedes Mal irrsinnig, wenn der fahrbare Untersatz da war. Wie im Rausch verzieh ich dann zum Beispiel, wenn der Lieferant ein wenig selbstkritisch zu bedenken gab, dass das mit den Reparaturen eines E-Rollis im Zeitalter der Vollelektronik schwieriger werden könnte. Er sagte dann etwa, dass nun nicht mehr einfach nur ein einzelnes fehlerhaftes Bauteil austauschbar wäre, sondern gleich ganze Bausätze gewechselt werden müssten, deren Beschaffung aber oft mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Da konnte es schon vorkommen, dass ich ihm wie entrückt großzügig mitteilte, dass das doch gar nichts mache. Und dies, obwohl es mir in Wahrheit selbstverständlich sehr viel ausmacht, ob eine Reparatur zeitnah am gleichen Tag ausgeführt werden kann oder ich tagelang ohne funktionsfähigen Rolli auf dem Trockenen sitze.

Nun, inzwischen ist die Tendenz zur lieben, doofen und leichten Verwaltbarkeit bei mir weitgehend verflogen. Und ich stritt das erste Mal mit meiner Krankenkasse darüber, dass mein neuer E-Rollstuhl sowohl auf meine Bedürfnisse als kleiner Mensch zugeschnitten sein muss, als auch auf die Notwendigkeit, dass ich mich mit dem E-Stuhl in Wohnungen und im Freien unfallfrei bewegen kann.

Dieser Streit war überfällig und ich rufe noch einmal mutig in die Runde, hier von den Erfahrungen mit Hilfsmitteln zu berichten. Für uns Betroffene kann es von unschätzbarem Wert sein zu erfahren, ob ein Hilfsmittel in der Praxis etwas taugt bzw. in welcher Umgebung es dies tut, und in welcher nicht, bevor wir uns darüber mit unserer Kranken- oder Gesundheitskasse streiten.

Und damit mein Aufruf nicht abstrakt bleibt, hier noch ein Erfahrungsbericht zur Firma “Tünkers”. Die Firma “Tünkers Maschinenbau” stellt unter anderem auch Elektro-Roll- und Hub-Stühle her. Das aktuelle Modell heißt “Butler II” und ist batteriebetrieben. Ich habe es zwei Jahre benutzt, dann waren neue Batterien fällig. Aber das war nicht so einfach. Ich muss feststellen: so eine miserable Abwicklung eines Batteriewechsels habe ich noch nie erlebt! Fünf ganze Monate, angefüllt mit Schreiben und Telefonaten in Richtung Firma Tünkers, musste ich warten, bis die Batterien gewechselt wurden und ich den Stuhl an meinem Arbeitsplatz wieder benutzen konnte.

Wie ist es Ihnen mit Ihren Hilfsmitteln ergangen? Ganz ähnlich oder auch ganz anders? Schreiben Sie mir bitte von ihren Erfahrungen. Nur gemeinsam können wir es vielleicht schaffen, im Bereich der so genannten Hilfsmittelversorgung als ernstzunehmende Verbraucherinnen und Verbraucher wahrgenommen zu werden!

Rollstühle und andere Hilfsmittel vergleichen?

November 21, 2007 by Fabian Schwarz

Oft genug hat sich mein Elektro-Rollstuhl der Firma „Meyra“ nun im Kreis gedreht. Der schöne Name „Optimus“ war hier definitiv nicht Programm. Vielmehr war das Gegenteil der Fall: immer wieder gab es einen Fehler auf der Lenkplatine, so dass die Lenkung dauerhaft einschlug und der Stuhl nur noch im Kreis rollte. Das war höchstens feierlich, wenn es auf der Tanzfläche einer Hochzeit passierte. Es war ganz und gar unfeierlich, wenn es auf dem Nachhauseweg auf einer belebten Straße Berlins oder aus heiterem Himmel mitten im Urlaub geschah.

Angestoßen von derart negativen Erfahrungen, beginne ich mich zu fragen, ob eine Art „Stiftung Warentest“ auch für Rollstühle möglich wäre. Eine erste Recherche führt mich ins Internet – ohne erfolgreiche Ergebnisse.

Gebe ich in der bekanntesten Suchmaschine „Google“ den Begriff „Rollstuhl“ als Suchkriterium an, erscheinen zuerst (Stand: 20.11.2007) die Adresse eines so genannten Discount-Sanitätshauses, dann ein Artikel aus der Wikipedia zum Thema „Rollstuhl“ und schließlich diverse Einträge von Herstellern von Rollstühlen und von Anbietern von Reisen für „Rolli-Nutzer“. Danach hinterlassen einschlägige Sportclubs ihre Adresse usw.

Einen übersichtlichen Vergleich zu Rollstühlen, zu ihren Vorzügen und Nachteilen, zu ihrem Preis und zu den Kosten für den Unterhalt suche ich hier vergeblich. Gibt es eine solche Seite noch nicht, oder ist sie bei den großen Suchmaschinen-Anbietern dieser Tage nur nicht verzeichnet?

Wie sind eigentlich die Erfahrungen der geneigten Leserinnen und Leser zu diesem Thema? Funktioniert der Rollstuhl so, wie Sie es sich gedacht haben? Wie sieht es mit anderen Hilfsmitteln aus? Und wer weiß von ihren Erfahrungen?

Sollten es nicht auch eine Art „Verbrauchercheck“ für Hilfsmittel geben? Was halten Sie davon?

Der alte Mann an der Bushaltestelle

Oktober 22, 2007 by Fabian Schwarz

Heute stehe ich an der Bushaltestelle. Ja, es gibt Tage, da bin ich auf den öffentlichen Großbus angewiesen, weil sich der private Kleinbus in der Werkstatt befindet.

Ich schaue also auf den Fahrplan und stelle fest, dass ich den Bus um eine „Formel 1“-verdächtige Minute verpasst habe. Es ist kalt, der erste Wintertag in Berlin, und das ende Oktober! Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke ein Stückchen höher und stelle mich auf zwanzig Minuten Gefrierzeit ein.

Da passiert es. Ich habe ihn gar nicht kommen hören. Aber auf einmal schiebt sich von hinten ein Gesicht vor meine Augen. Ein freundliches Gesicht, mit Lachfalten um die Augen und mit höflichem Abstand. Trotzdem kann ich sofort den pfefferminzigen Atem riechen.

Dann erscheint ein älterer gebückter Mann in meinem Blickfeld, dem dieses wache Gesicht offensichtlich gehört. Der Mann sagt, dass er erkältet sei. Dann fragt er, wie ich in den Bus kommen werde. An Menschen, wie mich, denke man ja viel zu wenig. Ich versuche, ihn und mich mit der Aussage zu beruhigen, dass der Busfahrer eine kleine Klapprampe am mittleren Einstieg umlegen könne, und ich dann einfach mit meinem Rollstuhl in den Bus hinein führe.

Ja, ja, pflichtet er mir bei, und seine Augen blitzen, dies sei ja genauso wie in der U-Bahn, wo der Fahrer auch eine kleine Rampe anlegen würde, wenn sich ein Rollstuhlfahrer bei ihm bemerkbar machte. Ich bewundere ihn für seine Gabe, so genau hinzugucken. Dann sagt er, dass er früher U-Bahnfahrer gewesen sei. Und dass er bis vor wenigen Jahren dafür gekämpft habe, dass wirklich alle mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren könnten.

Bevor ich bemerken kann, dass ich seinen Einsatz für behinderte Menschen sehr schätze, klagt der alte Mann, seinen Stock nicht dabei zu haben. Das Gehen ohne Stock fiele ihm nämlich sehr schwer, eigentlich bräuchte er jetzt den Stock. Ich will auch etwas dazu sagen, doch schon fragt er, wie alt ich sei. Ich antworte, ich wäre gerade 34 Jahre alt geworden. Er fängt fast an zu weinen und sagt mehr für sich als für mich, dass dies noch so viele Lebensjahre wären. Dann hält er plötzlich inne und fragt, ob ich erraten würde, wie alt er denn sei. Ich sage, dies sei schwer zu schätzen. Er klopft sich den Daumen der linken Hand auf die Brust und antwortet, er sei inzwischen 80 Jahre alt, aber das sehe ich ihm doch wirklich nicht an, oder?

Ich verneine, weil ich ihn wirklich nicht auf 80 Jahre geschätzt hätte. Er antwortet, dass seine Lebensgefährtin 75 Jahre alt sei und er ihr etwas aus der Apotheke besorgen sollte. Wenn er doch nur seinen Stock dabei hätte…

Dann fragt er mich, ob ich denn arbeiten würde. Ich bejahe, er klopft mir mehrfach auf die Schulter und wünscht mir viel Glück für mein berufliches Leben. Bevor er geht, murmelt er noch, dass es sich immer lohne, etwas aufzubauen. So wäre er stolz darauf, seinen Teil zum Wiederaufbau der Trümmerstadt Berlin beigetragen zu haben.

In diesem Moment ertappte ich mich bei der Frage, was er wohl davon gehalten hätte zu erfahren, dass ich als Psychologe nicht unmittelbar etwas aufbaue.  Aber ich halte meinen Mund und dann ist er ja auch schon weg.

Finale!

September 30, 2007 by Fabian Schwarz

Da ist es also wieder: mein Fähnchen-Problem. Die Frauen Deutschlands stehen im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Und kaum einer hier in Berlin gibt dies zu erkennen. Das finde ich schon seltsam!

Ich erinnere mich noch an das Vorjahr, als die Jungens ihre Fußball-WM ausgefochten haben. Damals gab es Fähnchen mit den Farben der Bundesrepublik an jedem Auto und auch sonst überall.

Nun habe ich mit dem Schwenken nationaler Symbole immer noch so meine Probleme. Aber dass da für den heutigen Tag gar nichts läuft, kann doch auch nicht sein, oder? Schließlich stehen “unsere Frauen” dort, wo es “unsere Männer” im letzten Jahr nicht mehr hin geschafft haben.

Ab 14.00 Uhr unserer Zeit heute geht es los – und zwar in China und gegen Brasiliens Fußball-Frauen. Radio und Fernsehen werden live berichten.

Und so habe ich das Bier vorgekühlt, das Stimmchen geölt und werde mir ab dem frühen Nachmittag immer wieder aufmunternd im Spiegel zurufen: „Es kann nur eine Weltmeisterinnen-Nation geben – und zwar unsere Frauen!” Fähnchen-Problem nun hin oder eben her…