Barrierefreiheit im Berliner Regierungsviertel entgleisst

By Fabian Schwarz

Gestern musste ich die Frontscheibe meines Autos austauschen lassen, weil die Scheibe durch einen Steinschlag zu stark lediert war. Für die Reparatur waren bei der Anmeldung in der Werkstatt fünf Stunden veranschlagt worden. Da die Werkstatt ganz in der Nähe des neuen Regierungsviertels liegt, hatte ich mir vorgenommen, die Wartezeit nicht ungenutzt zu lassen, und mich dort einmal ausführlicher umzuschauen.

Schließlich sehe ich mich in diesen Jahren regelmäßig auf der sich ständig wandelnden Baustelle Berlin um, damit ich nicht in die Situation komme, dass mir der Besuch von außerhalb von Gebäuden oder Parks vorschwärmt, die ich selbst noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Ein fast unerträglicher Moment für mich, denn als echte Berliner Pflanze habe ich doch den Anspruch, über meine Stadt Bescheid zu wissen!

Also zog ich los: durch den Tiergarten zum Bundestag, dort hinauf aufs Dach und weiter aufwärts in der Glaskuppel, die das Gebäude krönt. Anschließend entlang am Spreeufer, vorbei am Paul-Löbe-Haus mit Aussicht auf den neu entstehenden Hauptbahnhof. Das Spreeufer verlassenend weiter entlang an der endlos scheinenden Längsseite des Kanzleramtes oder besser: Kanzlerinnenamtes. Danach hinüber zur "Schwangeren Auster", unserem Haus der Kulturen der Welt, und zurück zur Autowerkstatt durch den Tiergarten.

Bei meinem Rundgang fiel mir an mehreren Stellen schmerzhaft auf, dass die Bedürfnisse behinderter Menschen in den neuen Parkanlagen um die Spree und an den neu entstandenen Straßen um den Hauptbahnhof und um das Kanzlerinnenamt kaum oder gar nicht berücksichtigt wurden. Und ich brauchte nicht viel Fantasie, um mir vorzustellen, dass so ein Rundgang, wie ich ihn machte, für manchen Menschen mit Handicap gar zum buchstäblichen Reinfall werden kann, nämlich zum Fall in die Spree.

Zunächst für Rollstuhlfahrer mit Handrollstühlen. Es gibt mehrere rampenartige Verbindungswege von dem höher gelegenen Areal mit den Regierungsbauten hinunter zur Promenade an der Spree. Hier fehlen Absätze mit waagerechter Strecke, damit man bei der Abfahrt immer wieder ausrollen kann und nicht mehr und mehr Fahrt aufnimmt, um schließlich spektakulär für die umstehenden Passanten in hohem Bogen in die Spree zu rauschen.

Aber auch nichtsehende Menschen könnten an der Spreepromenade einen Reinfall im wahrsten Sinne des Wortes erleben. Ganz besonders vorm Paul-Löbe-Haus. Dort gibt es einen ominösen Streifen geriffelter Platten, der nur der Zierde dienen soll, blinden Nutzern eines Langstocks aber einfach signalisieren muss, dass hier ein Leitsystem ist. Mit vielleicht fatalen Folgen: Zunächst schrammt der vermeintliche Leitstreifen am mehreren Baumscheiben entlang, um dann je an einem Vorsprung an der Uferwand zur Spree zu enden. Natürlich ohne Vorwarnung. Mit entsprechend beherztem Tempo landet ein blinder Mensch ebenfalls in der Spree, vielleicht genau neben einem planschenden und nach Luft schnappenden Rollstuhlfahrer.

Sicher gehören dieser Streifen vorm Paul-Löbe-Haus und die Beschleunigungsrampen zu den prekärsten Stellen im Regierungsviertel. Aber für blinde Menschen gibt es auch auf den neuen Straßen böse Überraschungen. Natürlich sind hier alle Fußgängerampeln mit akkustischen Signalen ausgestattet. Um in den Genuss des Freigabesignals zu kommen, wenn die Ampel für Fußgänger auf Grün geschaltet hat, muss jedoch ein Knopf gedrückt werden. Oft genug befindet sich dieses Knöpfchen nun in einer Höhe, in der selbst ich mich als wirklich kleiner Rollstuhlnutzer nach unten bücken muss. Darauf muss der blinde Fußgänger dann erst einmal kommen.

Ja, und dann ist da genau vorm Kanzlerinnenamt diese Ampel, die schon nach so kurzer Zeit wieder auf Rot schaltet, dass das Freigabesignal bestimmt keine Orientierung bei der Überquerung bieten kann, weil es einfach zu schnell verhallt.

Insgesamt muss ich deshalb feststellen, dass ausgerechnet dort, wo eigentlich die Weichen für mehr Barrierefreiheit gestellt werden sollten, der Zug zur barrierefreien Gestaltung von Straßen und Plätzen an mehreren Stellen fürchterlich entgleisst.

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