Damit ich nicht falsch verstanden werde: Elektro-Rollstühle sind etwas Wunderbares. Sie ermöglichen mir, der ich nicht laufen kann, die fast perfekte Imitation von laufenden Menschen. Ich muss den Joystick nur geschickt genug bewegen, und schon gleite ich dahin durch die Straßen Berlins und vielleicht hinein in den nächsten Konsumtempel. Und wie laufende Menschen auch muss ich Acht geben, sollten Hundehaufen auf dem Gehsteig fehlplatziert sein, Scherben im Weg liegen oder Baumwurzeln die Asphaltdecke anheben. Also, alles in allem fördert mein Elektro-Rollstuhl das Gefühl, dazu zu gehören.
Schwierig wird es allerdings, wenn das elektrisch betriebene Rennauto für den Bürgersteig seinen Dienst nicht so tut, wie es soll. Und so richtig peinlich wird es, wenn die Steuerung des Mobils derart versagt, dass ich nur noch im Kreis fahren kann.
Dies ist mir das erste Mal passiert vor zwei Jahren bei einem Kurzurlaub an der Elbe in der Nähe von Meißen. Meine Freundin und ich wollten abends noch ein Getränk zu uns nehmen in der nahe liegenden Wirtschaft. Bis zur Wirtschaft summte mein E-Stuhl anstandslos den Weg entlang. Aber just, als wir hinein wollten, schlugen die Lenkräder konsequent nach links ein. Was für ein Anblick: da will so ein Rollstuhlfritze also offensichtlich in die Kneipe, scheint aber bereits am Eingang so blau zu sein, dass er mit seinem Rollstuhl nur noch im Kreis fährt. Peinlich, peinlich!
Nur eine sehr forsche und regelwidrige Behandlung des Lenkgetriebes hat den E-Stuhl damals wieder auf den rechten Weg gebracht. Wenige Monate später aber verlegte sich die Steuerung auf einen neuen Fehler: ein Defekt der Steuerungsplatine. Wieder fuhr der E-Stuhl nur im Kreis, diesmal aber war ein elektronisches Bauteil durchgebrannt, so dass ein Klopfen und Drücken am Lenkgetriebe nichts half.
Jetzt schloss ich das erste Mal Bekanntschaft mit dem Pannendienst meiner Rollstuhlwerkstatt. Ich stellte fest, dass der Dienst in Berlin auch am Wochenende Gott sei Dank bis zu einem städtischen Campingplatz mitten in einem Waldgebiet, das gerade noch zu Berlin gehört, ausrückte, um den angeschlagenen Rollstuhl zu bergen.
Neulich in Marburg aber war Schluss mit Service. Beim Ansteuern der Kaffeetafel von Freunden am Sonntagnachmittag passierte es wieder. Die Lenkung schlug konsequent ein, ohne von mir per Joystick einen derartigen Befehl erhalten zu haben. Und sie blieb bei ihrem Einschlag. Wie sich später herausstellen sollte, war es wieder ein Defekt der Lenkplatine. Ich rief noch vom Kaffeetisch aus die bundesweite Rufnummer meines Pannenservice an. Aber in Hessen und somit weg vom zuständigen Sanitätshaus in Berlin ließ sich nichts machen. Ja, unter Umständen würde der Notdienst eines Sanitätshauses in Gießen sich meiner Probleme annehmen. Aber ob die dann auch Ersatzteile für ausgerechnet mein (weitverbreitetes) Modell eines Elektro-Rollstuhls hätten, wäre fraglich. Außerdem wäre das Sanitätshaus erst ab 17.00 Uhr zu erreichen. Zu dieser Zeit wollten wir längst die Heimfahrt nach Berlin angetreten haben.
Dank der Freunde an der Marburger Kaffeetafel gelang es uns, den kranken E-Stuhl in mein Auto zu verladen. Und so sausten wir mit einer imaginären Signalleuchte für eilige Transporte defekter Mobilitätshilfen nach Berlin. Hier habe ich dann gleich am Montag den Rollstuhl meiner örtlichen Werkstatt vorgestellt, die glücklicherweise sofort helfen konnte mit einer neuen Platine.
Soweit so gut. Aber wäre es nicht schön, für Pannen am Elektro-Rollstuhl überall im Land Hilfe zu bekommen? Das wäre doch mal eine Förderalismus-Reform! Aber noch besser wäre es natürlich, wenn mein E-Stuhl nicht so oft den Linkseinschlag proben würde, wie er es in den letzten zwei Jahren getan hat. Und das meine ich selbstverständlich so, wie ich es schreibe, und nicht als politische Polemik!
Juli 19, 2006 um 19:27 |
Auf der Suche nach coolen Locations in Berlin, wie clubs, cafés etc. bin ich hier gelandet und ich stimme Dir zu!!! Voll und ganz!!! Für alles, wirklich alles (Autos, Pizza, Videobringdienst usw.) gibt es Servicedienste nur nicht für Elektrorollstühle- zum Kotzen! Obwohl doch die Notwendigkeit wohl jedem Menschen einleuchtet.
Ich fahre auch so ein Ding und zwar vorzugsweise im Raum Ruhrgebiet, wo ich wohne. Nächste Woche komme ich in die Hauptstadt. So, nun werde ich weitergoogeln.
Über Tipps freue ich mich…
Lg, Marlies