Hechtsprung in die S-Bahn

By Fabian Schwarz

Der Hauptstädter ist ja ein hektischer Mensch. Von Natur aus, sozusagen. Quasi mit der Muttermilch haben wir den eisernen Willen aufgesogen, immer schnellst möglich von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Wer oder was auch immer uns in die Quere kommen möge. Und entsprechend rasant gehen Autofahrer und Radfahrer auf den Straßen Berlins zu Werke. Aber auch Fußgänger, die Helden der Bürgersteige, lassen kaum einen Zweifel aufkommen daran, dass sie diesen Willen des möglichst effektiven Vorankommens tief im Herzen tragen. Und Fußgänger können zur Verwirklichung dieser Herzensangelegenheit auf eine Technik zurückgreifen, die Autofahrer und Pedaleure in der Regel und zum eigenen Vorteil nicht in ihr Repertoire aufgenommen haben: ich meine das allseits beliebte Rempeln auf den Gehsteigen.

Aber ich schweife ab. Was ich dem geneigten Leser auf die Ohren unter den Kopfhörern brummen bzw. unter die Finger der Braillezeile legen oder eben schnöde am Bildschirm kundtun wollte: auch ich gebe mich hin und wieder meiner Natur als Hauptstädter hin und verhalte mich hektisch. Mit Folgen! So auch am vergangenen Samstag:

Ich hatte eine Tagung besucht in einem Hotel nahe am Ostbahnhof. Und ich wollte schnell weiter zu einer knapp kalkulierten Verabredung mit meiner Freundin am Bahnhof Zoo. Zwischen beiden Bahnhöfen verkehrt die S-Bahn. Also sauste ich sofort nach dem Ende der Tagung mit Vollgas in meinem E-Rollstuhl aus dem Foyer des Hotels, durch die Vorhalle des Ostbahnhofs hindurch und hinein in den Aufzug zum Bahnsteig. Kaum konnte ich erwarten, dass der provokant gemächliche Lift sich in Bewegung setzte und mich oben auf dem Bahnsteig wieder ausspuckte. Als sich nach schier unendlichen Zeiten die Türen des Aufzuges wieder öffneten, sah ich, dass gerade eine S-Bahn am richtigen Gleis stand. Und es war ein Zug neuester Bauart, in den man als Rollifahrer ohne Stufen hineingelangen kann. Also startete ich mit dem E-Stuhl durch und rauschte auf die Bahn zu. Und dann war es auf einmal wie im Film. Ich hörte die verwaschene Stimme aus schlecht justierten Bahnhofslautsprechern, die da brüllte „Zurück bleiben!“. Ich dachte, zurück bleiben könne ich ein andermal, und ich sah mich auf die nächst beste Tür zusteuern. Ich war mit dem vorderen Teil des Rollstuhls bereits in der Bahn, als das Signal, welches das Türenschließen ankündigt, erklang. Die hinteren Räder des Rollstuhls waren gerade ebenfalls im S-Bahnzug angekommen, da schnappten die Türen hinter mir zu und der Zug fuhr los.

Mein Herz schlug. Die anderen Fahrgäste sahen mich erstaunt an. Ich zuckte schuldbewusst die Schultern. Und dann sprach mich ein Fahrgast an: „Na Herr Schwarz, ich wusste gar nicht, dass man mit einem solch schweren Rollstuhl einen so tollkühnen Hechtsprung machen kann.“ Ich murmelte etwas von Eile und Terminhetze, merkte aber, dass das albern hochgestochen klingen mochte, und wurde rot. Der Fahrgast stieg dann an der nächsten Station aus. Jedoch erst als ich am Bahnhof Zoo dann selbst aus der Bahn ausgestiegen war, wunderte ich mich darüber, dass der Herr mich bei meinem Namen genannt hatte. Zerstreut griff ich mir an das Jacket. Tatsächlich, in aller Eile hatte ich auch noch vergessen, nach der Tagung das Namensschild zu entfernen und war also unter öffentlicher Bekanntgabe meines vollen Vor- und Zunamens S-Bahn gefahren. Herjeh …

Eine Antwort zu „Hechtsprung in die S-Bahn“

  1. Jens Bertrams sagt:

    Was hast du bloß immer für hübsche kleine Geschichten. Tja, es hätte ja auch übel ausgehen können, Herr Schwartz!:-) Pass auf, sonst kommst du noch unter die Räder, du Hauptstädtedr. – Ist diese Eigenart vielleicht ein Grund dafür, warum man die Berliner hin und wieder für rücksichtslos hält?

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