Ich gebe es ja zu: auch wenn das Wetter schön ist und nichts dagegen spricht, mit dem Elektro-Rollstuhl Frischluft tankend in gemütlichen dreißig Minuten zur Arbeit zu rollen, fahre ich doch oft genug die kurze Strecke mit meinem Ford Transit. Zu reizvoll ist es für mich einfach immer wieder, wenn ich mich vor dem Büro mit dem E-Stuhl aus dem Auto lifte und unbeteiligte Passanten völlig unvorbereitet staunen, dass „so ein kleiner Mann im Rollstuhl so einen großen Bus fahren kann.“ Da es in unmittelbarer Nähe zu meiner Arbeitsstelle ein Hotel gibt, in dem viele Berlin-Touristen absteigen, sind immer recht viele unvorbereitete Passanten unterwegs, wenn ich morgens komme, sodass ich garantiert unschuldige Opfer finde, deren Denken ich durcheinander bringen kann.
Aber neulich wären mir meine Eitelkeit des Andersseins und der kleine Spaß am Morgen doch beinahe zum Verhängnis geworden. Es war ein schöner Morgen. Nicht zu heiß wie zu oft im Juli, nicht zu kühl wie fast durchgehend im August. Also, eigentlich ein prima E-Rollstuhl-Wetter. Doch nein, ich wollte auf meinen Auftritt vorm Büro einfach nicht verzichten und fuhr mit dem Auto.
Ich parkte ein. Möglichst unbeteiligt guckend und mit Unschuldsmiene klappte ich den Lift aus und hievte den E-Stuhl auf die Plattform des Lifts. Gerade als ich mich auf Straßenniveau hinab senken wollte, kam ein erster herrlich unbeteiligt und unvorbereitet aussehender Passant vorbei. Er blickte sich ausfürhlich um, so als suche er eine Hausnummer. Ich nahm ihn nur aus dem Augenwinkel wahr (denn ich hatte es mir ja zur Aufgabe gemacht, möglichst unbeteiligt drein zu schauen!). Ich dachte noch: ‘Ha! Jetzt sei doch endlich ein wenig verdutzt. Schließlich steigt hier ein schwer mehrfach behinderte Kleiner im Rollstuhl aus seinem großen, großen Bus aus. Das kannst Du einfach nicht erwartet haben!’ Da passierte es…
Ein Auto in der Einfahrt vor meinem Parkplatz setzte sich rückwärts in Bewegung. Ich fragte mich, warum es so zielstrebig in Richtung meines ja so großen, großen Busses einschwenkte, als der herrlich unbeteiligt wirkende Passant seine Unbeteiligung schlagartig aufgab, und auf einmal ehr engagiert wurde. Ja, es schien mir, als habe er spontan ein Herz für kleinwüchsige Formel-1-Piloten zu großer Kraftfahrzeuge entwickelt und sich dem Fahrer des rückwärts setzenden Autos entgegen werfen wollen, bevor dieser in meinem Wagen krachen würde.
Erst, als ich mit dem E-Stuhl schon auf dem Asphalt des Bürgersteigs angekommen war, wurde mir klar, dass der Passant, dessen urplötzlichen Aktivitätsschub ich eben beobachten konnte, der Fahrer eben desjenigen Autos war, das sich meinem Ford unaufhaltsam rückwärts fahrend näherte. Er hatte ganz offensichtlich vergessen, die Handbremse zu ziehen, als er das Auto in der leicht abschüssigen Abfahrt abgestellt hatte. Nun stämmte er sich mit aller Kraft zwischen meinen und seinen Wagen und schaffte es tatsächlich, sein Gefährt kurz vor einem Zusammenstoß mit Muskelkraft zu stoppen.
So war ich, der anderen gern einen Moment des Unerwarteten gönne, auf einmal fast selbst Opfer einer Situation geworden, die ich nicht erwartet hatte. Das hat mich nachdenklich gemacht. Auf jeden Fall hatte ich für die nächsten paar Tage, die ein ähnlich nettes, nicht zu heißes, nicht zu kaltes Wetter versprachen, den Transit zu Hause stehen lassen und bin per E-Stuhl zur Arbeit gefahren. Man kann auf diesem Weg wirklich prima frische Luft tanken, selbst in einer Großstadt! Und erst die vielen Möwen auf der Spree an der Oberbaumbrücke…