Archiv für die Kategorie ‘Berliner Leben’

Wirklich ein erster Sex-Traum?

März 4, 2007

Heute Morgen habe ich eine Sendung im Deutschlandradio Kultur gehört, in der Axel Hacke Studiogast war. Der Autor und Kolumnist Hacke hatte vor einiger Zeit ein Buch verfasst, in dem sich alles um das Daneben-Hören und Umdichten von Liedtexten durch Kinder dreht. So zum Beispiel beim Lied „Der Mond ist aufgegangen“. Da wurde schon mal aus der Textzeile: „Und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar.“ der Verhörer: „Und aus den Wiesen steiget / der weiße Neger Wumbaba.“

Weil es ein so schöner Verhörer ist, trägt Hackes Buch ihn auch im Titel: „Der weiße Neger Wumbaba. Kleines Handbuch des Verhörens“. Demnächst erscheint ein zweiter Band zum Thema und so beschäftigte sich ein Großteil der Sendung im Deutschlandradio mit dem kindlichen Verhören.

Dieses Falsch-Hören passiert aber nicht nur Kindern. Als ich der Sendung lauschte, kam mir die Jahre zurückliegende Begegnung mit einem Taxifahrer in den Sinn:

Ich saß in einem Taxi und der Taxifahrer spielte eine Kassette mit Liedern von Bryan Adams. Plötzlich ertönte das Lied „Summer of 69″. Ich war und bin nicht sehr bewandert, was Liedtexte englischer Popmusik betrifft. Das wollte ich jedoch nicht zugeben. Deshalb habe ich stets intensiv die Texte nachgelesen, wenn ich sie auf dem Cover einer CD finden konnte, um dann später im Kreise von Freunden und Bekannten nicht aufzufallen. Und wie es der Zufall so wollte, hatte ich gerade den Text von „Summer of 69″ auswendig gelernt.

Als Bryan Adams nun seine erste Zeile gesungen hatte, sagte mein Taxifahrer sehr bewegt, dass er noch nie solch ein ehrliches Lied gehört habe. Ich fragte ihn wieso. Er antwortete, dass es in dem Lied ja um den ersten Sex-Traum eines Jungen gehe. So etwas würden die meisten Männer ja nie im Leben zugeben, Bryan Adams dagegen hätte da keine Scheu. Und dies würde er zutiefst bewundern.

Für einen Moment war ich verwirrt. Dann ahnte ich aber, dass der Taxifahrer offensichtlich ähnliche Schwierigkeiten mit dem Verstehen von englischsprachigen Songs hatte wie ich. Vermutlich hatte er die erste Zeile so gehört: „I got my first real sex-dream„. Richtig lautet sie aber: „I got my first real six-string„, ist also eine stolze Meldung über den Erstbesitz einer ernstzunehmenden E-Gitarre.

Nun ja, weil mir solche Fehler ja auch immer wieder unterliefen, hielt ich meinen Mund. Und ich war froh, mit meinen Verhörern nicht allein zu sein auf der Welt.

Taschenspielertricks eines Werkstattträgers

Februar 9, 2007

Letztes Jahr hatte ich das Jahresmagazin einer Firma durchgelesen, die hier in Berlin mehrere sogenannte Werkstätten für behinderte Menschen betreibt. Das Magazin war in Hochglanz gedruckt.

Als ich die glatten Seiten durch meine Finger quietschen ließ, stolperte ich schon bald über eine kleine Meldung. Sie befand sich auf Seite 3, so glaube ich. Ganz „State of the Art“ war sie locker flockig schräg von oben in das Seiten-Layout eingehängt worden. In der Meldung hieß es: man sei der dritt-größte Arbeitgeber in Berlin. Und ein Ausschnitt der Statistik einer wichtigen Hauptstadtzeitung zur Zahl der Beschäftigten in verschiedenen Unternehmen in Berlin war zu sehen. Der Werkstattträger rangierte in diesem Statistikschnipsel tatsächlich auf Platz 3. Unter der Statistik stand – ebenfalls so schräg aufgehängt wie der Rest: „Sie hatten uns ja nicht nach wirklich sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen gefragt!“

Offensichtlich hatte die Zeitung ihre Statistik aus einer Umfrage unter den in Berlin ansässigen Firmen erstellt. Mich hat vor allem dieses Ausrufezeichen am Ende der Meldung gestört. Es gab der Nachricht eine Art von Triumph, der bereits wusste, dass er sich selbst eigentlich nicht zustand. Aber doch war der Triumph da, und er hatte etwas von einem Taschenspielertrick. Und wirklich: wie kann man sich freuen, tausende Werkstattbeschäftigte, die gerade mal ein dürftiges Taschengeld verdienen, als reguläre Arbeitskräfte auszugeben? Pfui Teufel!

Ich bin gespannt auf die Ausgabe des Hochglanzmagazins in diesem Jahr. Sollte es sich wieder über einen solchen Betrug freuen?

Die Yuka-Palme

Januar 27, 2007

Ach, heute erzähle ich euch einmal die Geschichte von meinem Besuch in einem Blumenladen:

Ich wollte eine Grünpflanze für meine neue Wohnung kaufen. Mit Assistentin zog ich also los zum nächsten Blumenladen. Für die, die diesen unregelmäßigen Blog nicht regelmäßig lesen: ich bin sehr klein und nutze den Rollstuhl, um mich fortzubewegen, da ich nicht laufen kann und Berliner Straßen nicht entlang kriechen mag.

So, zurück zu meiner Geschichte: Nun erscheint also meine nicht ganz alltägliche Erscheinung in einem typischen Neuköllner Blumenladen. Die Verkäuferin schaut erwartungsfreudig – meine Assistentin an. Ich sage tapfer von unten aus meine Rollstuhl heraus: „Ich möchte gern eine Grünpflanze kaufen, so eine, wie sie vor ihnen steht!“. Die Verkäuferin antwortete: „Ah, er möchte also eine Yuka-Palme kaufen!“, und wirft meiner Helferin einen viel sagenden Blick zu. Diese sagt tapfer, dass sie Herrn Schwarz lieber selbst ansprechen möge.

Die Verkäuferin darauf: „Möchte er auch einen Übertopf zu der Palme?“, wiederum mit Augenkontakt zu meiner Assistentin. Nun ist es an mir, tapfer zu sein, und ich sage: „Ja, er möchte auch einen Übertopf, und zwar in weißem Porzellan, so wie da hinten im Regal!“

Davon lässt sich die Verkäuferin allerdings nicht beirren. Sie schaut wieder über mich hinweg meine Helferin an und wiederholt dann: „Ah, er möchte einen weißen Übertopf dazu!“ Ich kontere standhaft: „Ja, so ist es! Er will einen weißen Übertopf.“.

Die Verkäuferin verkündet – wiederum an meine Helferin gerichtet – wieviel das Ensemble aus Yuka-Palme und Topf kosten soll. Ich zücke mein Geld und komme mir langsam vor, wie der brave Zinnsoldat aus einem Märchen von Hans-Christian Andersen. Meine Assistentin reicht das Geld über den Tresen, die Verkäuferin gibt das entsprechende Kleingeld zurück und wickelt anschließend Übertopf und Palme in Packpapier ein.

Vor dem Laden gibt es eine Stufe. Dies fällt nun auch der Verkäuferin auf. Sie sagt, dass sie uns die Sachen noch raus bringen würde, offensichtlich, um es meiner Assistentin leichter zu machen, mich, also den Rollstuhl, aus dem Laden zu bugsieren.

Dann stehen wir vor dem Laden. Die Verkäuferin überreicht meiner Helferin die Yuka-Palme und den Übertopf und sagt abschließend: „Ja, war er auch mal in ‘nem Blumenladen!“ Ich weiß nicht mehr, was ich antworten soll. Meine Assistentin auch nicht. Und so ziehen wir kommentarlos von dannen.

Nun, was ich hier erzählt habe, liegt schon zehn Jahre zurück. Und heute ist mein Erscheinen – und das Erscheinen von behinderten Menschen allgemein – in der Öffentlichkeit um viele Grade selbstverständlicher geworden als damals. Aber hin und wieder, und immer noch öfter, als mir lieb ist, treffe ich auf Menschen wie die geschilderte Verkäuferin aus dem Blumenladen.

Ein Abschied

Januar 25, 2007

Keine Rast (Hermann Hesse)

Seele, banger Vogel du,
immer wieder mußt du fragen:
Wann nach so viel wilden Tagen
kommt der Friede, kommt die Ruh?

Ob, ich weiß: kaum haben wir
unterm Boden stille Tage,
wird vor neuer Sehnsucht dir
jeder liebe Tag zur Plage.

Und du wirst, geborgen kaum,
dich um neue Leiden mühen
und voll Ungeduld den Raum
als der jüngste Stern durchglühen.

Am 20. Januar 2007 zwischen 8.50 Uhr und 9.00 Uhr starb mein lieber Onkel in einem gastfreundlichen Hospiz in Berlin-Moabit. Er war es, der mich vor langer, langer Zeit mit der Computertechnik bekannt gemacht hatte.

Seine Ungeduld und sein Lebenswille haben der ungünstigen Prognose der Ärzte Jahre lang getrotzt. Aber zu guter Letzt musste der zähe Segler dann doch seine Segel endgültig einholen.

Sein Tod schmerzt und ich vermisse ihn.

Berliner Charme

Dezember 22, 2006

Vor einigen Wochen wurde der Supermarkt auf der anderen Straßenseite vor meiner Wohnung umgebaut und erweitert. Die Wiedereröffnung sollte einige Überraschungen bereit halten, so die Ankündigung im Werbeprospekt, das ich eines Tages aus meinem Briefkasten fischte.

Neugierig machte ich mich also auf den Weg, den neu gestalteten Supermarkt in Augenschein zu nehmen. Und ich geriet tatsächlich ins Staunen bei meinem Besuch. Der Verkaufsraum wirkte geräumiger, die Regale vielfältiger und besser sortiert. Und das allerbeste für mich: zwischen den Regalen war deutlich mehr Platz. Begeistert drehte ich eine Pirouette mit meinem Rollstuhl.

Ich griff zwei, drei Produkte, die ich eigentlich gar nicht brauchte, nur um nicht mit völlig leeren Händen an die Kasse zu rollen. Und da sah ich, dass jeder Kunde, nachdem er bei der Kassiererin bezahlt hatte, am Ende des Bandes von einem jungen Menschen in T-Shirt mit dem Logo der Supermarkt-Kette empfangen wurde, der die Einkäufe bereits routiniert in Tüten gepackt hatte und sie dem überraschten Kunden mit einem Lächeln in die Hand drückte.

Dann war ich an der Kasse. Ich bezahlte, und auch meine drei Artikel verschwanden behände in einer Tüte. Der Mensch am Ende des Bandes reichte mir die Tüte, lächelte, sagte dazu aber in energischem und mahnendem Tonfall: „Heute is die Tüte umsonst. Aber nich, dass sie sich an den Service hier jewöhnen. Det Einpacken machen wa hier nur heute zur Wiedereröffnung!“ Ach, ich liebe ihn, diesen diskreten Berliner Charme.

Abendlicher Spaziergang durch Berlin

Dezember 9, 2006

Ein laues Lüftchen küsst das abendliche Berlin. Der Mond schaut verschmitzt hinter einer Wolke hervor. Hier und dort schlendern Paare die Straßen entlang, halten Händchen oder küssen sich.

Auf der Gneisenaustraße ist eine Polizeikontrolle aufgebaut. Offensichtlich werden hier Autos und Autofahrer auf ihre Verkehrssicherheit überprüft. Im Vorbeifahren auf dem Bürgersteig mit dem Elektro-Rollstuhl erhasche ich das entspannte Lachen von Fahrern, die gerade ihr Auto vorführen, und das ein oder andere nette Wort einer Polizistin.

Aber auch das hält die milde Abendluft bereit: Frau und Mann an einer Bushaltestelle. Er redet energisch auf sie ein. Sie hört erst wortlos zu, dreht sich dann aber plötzlich um und geht mit energischen Schritten davon. Er bleibt wie angewurzelt stehen und wiegt den Kopf langsam hin und her. Als ich näher komme, bemerke ich, wie er mit einer Hand Tränen aus dem Gesicht wischt.

Ich fahre vorbei. Die Szene rührt mich an, sie passt aber so gar nicht zur frühlingshaften Stimmung. Eher schon die gestylten Menschen, die aus dem U-Bahnhof hervorströmen, manche von ihnen mit einer Bierflasche in der Hand, die meisten wohl auf dem Weg zu irgendeiner Party.

Und dann sehe ich am Südstern die Verkaufsstelle für Tannenbäume. Die Verkaufsstelle ist müde, hat sich zugedeckt und ist zur Ruhe gegangen. Morgen ist auch noch ein Tag. Aber wer will am Frühlingsanfang schon Christbäume kaufen? Und was macht es da, dass dieser Frühling das Weihnachtsgeschenk des scheidenden Jahres 2006 ist?

Über den Klimawandel zu reden ist das Eine. Ihn zu erfahren, etwas ganz anderes. Das beunruhigt mich, auch wenn wir hier in Berlin mit dem frühlingshaften Wetter momentan ja die – im wahrsten Sinne des Wortes – mildesten Umstände des Klimawandels zu erleben scheinen.

Kindliche Prägungen

November 16, 2006

Es gibt schon eigentümliche Prägungen aus der Kindheit, die man einfach nicht mehr los wird. Und die mich gerade wegen ihrer Eigentümlichkeit immer wieder zum Nachdenken bringen.

Wenn ich morgens nach Friedrichshain zur Arbeit fahre, sehe ich oft einen Schlag grauer Herren, bei denen ich mir einbilde, dass sie bis 1989 für die Staatssicherheit der DDR gearbeitet haben. Das heisst, bei einem bestimmten Erscheinungsbild älterer Männer vermute ich dies fast instinktiv und reflexartig schießt mir eine Ermahnung unbestimmter Herkunft durch den Kopf, jetzt bloß vorsichtig zu sein. Kurze geschorrne graue Haare, Hemd, Schlips und diese gewisse Lederjacke, oder Scheitel, Anorak und der Stoffbeutel mit Blümchenmuster, in dem vor 18 Jahren wahrscheinlich ein Funkgerät versteckt war. Na, und natürlich dieser auffällig unauffällige Gang.

Freilich weiß ich auch, dass ich mit meiner Wahrnehmung ganz sicher einigen dieser Menschen Unrecht tue und sie in einen Topf stecke, in den sie gar nicht gehören. Aber darum geht es mir jetzt nicht. Was mir nur aufgefallen ist, ist dies: meine Eltern hatten ja nie gesagt: „Pass auf, der da ist bestimmt von der Stasi!“ und mit dem Finger auf diesen oder jenen Mann gezeigt. Dies wäre nebenbei bemerkt unter den gegebenen Umständen – gelinde ausgedrückt – sehr töricht gewesen. Aber auch ohne detaillierte Unterweisungen, die das Aussehen von vermutlichen Mitarbeitern für das Ministerium für Staatssicherheit betroffen hätten, drängt sich mir heutzutage bei manchen Herren diese hartnäckige Vermutung und die anschließende spontane Vorsicht auf.

Und gestern wurde mir mal wieder bewusst, wie tief diese Prägung sitzt. Ich fuhr mit meiner Assistentin zum Überprüfen des Reifendrucks der Winterreifen an meinem Auto zu einer Tankstelle. Kurz vor der Einfahrt zur Tankstelle fielen uns diese beiden jungen Typen auf, die in einer Seitenstraße lässig gegen ihr Auto gelehnt standen. Wir amüsierten uns ein wenig, weil diese Seitenstraße erst vor zwei Wochen für den Verkehr frei gegeben worden ist und momentan nirgendwo hin führt und auch noch keine Bebauung an ihren Seiten aufzuweisen hat. Die Jungs standen also ungefähr an der langweiligsten Ecke Berlins, und wir fragten uns, was sie da wohl wollten.

Als meine Assistentin nun Reifen für Reifen den Luftdruck überprüft hat, sah ich auf einmal, wie der eine junge Typ ein Funkgerät unter seinen verschränkten Armen hervor holte. Und erst jetzt bemerkte ich, dass die beiden die ganze Zeit den Verkehr auf der Hauptstraße beobachteten. Das Funkgerät kam mir bekannt vor, ich sehe es sonst immer bei Polizisten in Uniform. Es handelte sich bei den „jungen Typen“ also offensichtlich um Beamte in Zivil. Später, als wir von der Tankstelle wegfuhren sahen wir auch, dass an der nächsten Ecke hin und wieder Autos von uniformierten Streifenpolizisten an den Rand gewinkt wurden. Ich vermute deshalb, dass die Polizisten in Zivil im Rahmen einer Verkehrskontrolle im Einsatz waren.

Und jetzt fragte ich mich: wieso starre ich einerseits minutenlang zwei bundesrepublikanische Polizisten in Zivil an, ohne zu bemerken, dass es Beamte in Zivil sind. Und wieso vermute ich andererseits sofort hinter bestimmten älteren Männern aus Friedrichshain ehemalige Stasi-Agenten, obwohl ich eigentlich nichts, aber auch gar nichts, in der Hand hätte, was meinen spontanen Verdacht erhärten würde?

Manche kindliche Prägungen sind wirklich eigentümlich klebrig. Und diese Klebrigkeit hat offensichtlich mit einer tiefen Angst zu tun. Einer Angst vor Repressionen und Entmenschlichung, die ich in der DDR oft gespürt habe, obwohl ich noch ein Kind war. Und es war eine Angst, die ich von Beginn meines Lebens unter bundesrepublikanischen Gesetzen an nie mehr hatte.

Im Gegenteil, wenn ich darum weiß, dass auch in der Bundesrepublik Deutschland Ordnungshüter in Zivil unterwegs sind, dann ist für mich damit jenseits aller datenschutzrechtlichen Bedenken immer eine Art von gelassenem Ur-Vertrauen verbunden. Das Vertrauen darauf, dass Polizeibeamte in Zivil letztlich einen wichtigen Teil dazu beitragen, meine Freiheit als Bürger dieses Landes und meine Rechte als Mensch zu schützen. Für die Zukunft hoffe ich nur, dass es nie einen Anlass geben wird, der mein diesbezügliches Ur-Vertrauen erschüttern könnte.

Von der Aufbackstube

Oktober 8, 2006

Wollte ich mir vor fünf Jahren am Morgen frische Brötchen vom Bäcker holen, so ist dieses Unternehmen für mich als Rollstuhlfahrer spätestens an der obligatorischen Stufe zum Eingang des Geschäfts gescheitert. Heute sieht es ein wenig anders aus. Es gibt durchaus Läden, die den Titel „Bäckerei“ tragen und ganz einfach ohne Stufe zu berollen sind.

Nur: es sind dies nie wirklich Bäckerein, sondern bestenfalls Aufbackstuben für tiefgefrorene Ware. In den meisten Geschäften Berlins für mehlhaltige Frühprodukte erhält man oder frau heute keine Mohnbrötchen mehr, sondern Mohnaufbackbrötchen. Es gibt dort kaum noch Vollkornbrote, dafür um so häufiger die Ergebnisse aufgebackener Vollkornbrotfertigteige. Statt mehlbestäubter Berliner Bäckerinnen und Bäcker verkaufen in diesen Läden fast nur noch Menschen, die gerade über genügend praktische Kenntnisse verfügen müssen, um die richtigen Knöpfe eines Aufbackautomatens bedienen zu können.

Tja, manche Tendenzen der Stadterneuerung sind doch nur suboptimal. Und hin und wieder wünsche ich mir fast diese alten Läden zurück, über deren Schwelle dieser verführerische Duft zog, den es so heute praktisch nicht mehr gibt.

Hechtsprung in die S-Bahn

September 28, 2006

Der Hauptstädter ist ja ein hektischer Mensch. Von Natur aus, sozusagen. Quasi mit der Muttermilch haben wir den eisernen Willen aufgesogen, immer schnellst möglich von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Wer oder was auch immer uns in die Quere kommen möge. Und entsprechend rasant gehen Autofahrer und Radfahrer auf den Straßen Berlins zu Werke. Aber auch Fußgänger, die Helden der Bürgersteige, lassen kaum einen Zweifel aufkommen daran, dass sie diesen Willen des möglichst effektiven Vorankommens tief im Herzen tragen. Und Fußgänger können zur Verwirklichung dieser Herzensangelegenheit auf eine Technik zurückgreifen, die Autofahrer und Pedaleure in der Regel und zum eigenen Vorteil nicht in ihr Repertoire aufgenommen haben: ich meine das allseits beliebte Rempeln auf den Gehsteigen.

Aber ich schweife ab. Was ich dem geneigten Leser auf die Ohren unter den Kopfhörern brummen bzw. unter die Finger der Braillezeile legen oder eben schnöde am Bildschirm kundtun wollte: auch ich gebe mich hin und wieder meiner Natur als Hauptstädter hin und verhalte mich hektisch. Mit Folgen! So auch am vergangenen Samstag:

Ich hatte eine Tagung besucht in einem Hotel nahe am Ostbahnhof. Und ich wollte schnell weiter zu einer knapp kalkulierten Verabredung mit meiner Freundin am Bahnhof Zoo. Zwischen beiden Bahnhöfen verkehrt die S-Bahn. Also sauste ich sofort nach dem Ende der Tagung mit Vollgas in meinem E-Rollstuhl aus dem Foyer des Hotels, durch die Vorhalle des Ostbahnhofs hindurch und hinein in den Aufzug zum Bahnsteig. Kaum konnte ich erwarten, dass der provokant gemächliche Lift sich in Bewegung setzte und mich oben auf dem Bahnsteig wieder ausspuckte. Als sich nach schier unendlichen Zeiten die Türen des Aufzuges wieder öffneten, sah ich, dass gerade eine S-Bahn am richtigen Gleis stand. Und es war ein Zug neuester Bauart, in den man als Rollifahrer ohne Stufen hineingelangen kann. Also startete ich mit dem E-Stuhl durch und rauschte auf die Bahn zu. Und dann war es auf einmal wie im Film. Ich hörte die verwaschene Stimme aus schlecht justierten Bahnhofslautsprechern, die da brüllte „Zurück bleiben!“. Ich dachte, zurück bleiben könne ich ein andermal, und ich sah mich auf die nächst beste Tür zusteuern. Ich war mit dem vorderen Teil des Rollstuhls bereits in der Bahn, als das Signal, welches das Türenschließen ankündigt, erklang. Die hinteren Räder des Rollstuhls waren gerade ebenfalls im S-Bahnzug angekommen, da schnappten die Türen hinter mir zu und der Zug fuhr los.

Mein Herz schlug. Die anderen Fahrgäste sahen mich erstaunt an. Ich zuckte schuldbewusst die Schultern. Und dann sprach mich ein Fahrgast an: „Na Herr Schwarz, ich wusste gar nicht, dass man mit einem solch schweren Rollstuhl einen so tollkühnen Hechtsprung machen kann.“ Ich murmelte etwas von Eile und Terminhetze, merkte aber, dass das albern hochgestochen klingen mochte, und wurde rot. Der Fahrgast stieg dann an der nächsten Station aus. Jedoch erst als ich am Bahnhof Zoo dann selbst aus der Bahn ausgestiegen war, wunderte ich mich darüber, dass der Herr mich bei meinem Namen genannt hatte. Zerstreut griff ich mir an das Jacket. Tatsächlich, in aller Eile hatte ich auch noch vergessen, nach der Tagung das Namensschild zu entfernen und war also unter öffentlicher Bekanntgabe meines vollen Vor- und Zunamens S-Bahn gefahren. Herjeh …

Rückwärtiger Gegenverkehr am Morgen

September 2, 2006

Ich gebe es ja zu: auch wenn das Wetter schön ist und nichts dagegen spricht, mit dem Elektro-Rollstuhl Frischluft tankend in gemütlichen dreißig Minuten zur Arbeit zu rollen, fahre ich doch oft genug die kurze Strecke mit meinem Ford Transit. Zu reizvoll ist es für mich einfach immer wieder, wenn ich mich vor dem Büro mit dem E-Stuhl aus dem Auto lifte und unbeteiligte Passanten völlig unvorbereitet staunen, dass „so ein kleiner Mann im Rollstuhl so einen großen Bus fahren kann.“ Da es in unmittelbarer Nähe zu meiner Arbeitsstelle ein Hotel gibt, in dem viele Berlin-Touristen absteigen, sind immer recht viele unvorbereitete Passanten unterwegs, wenn ich morgens komme, sodass ich garantiert unschuldige Opfer finde, deren Denken ich durcheinander bringen kann.

Aber neulich wären mir meine Eitelkeit des Andersseins und der kleine Spaß am Morgen doch beinahe zum Verhängnis geworden. Es war ein schöner Morgen. Nicht zu heiß wie zu oft im Juli, nicht zu kühl wie fast durchgehend im August. Also, eigentlich ein prima E-Rollstuhl-Wetter. Doch nein, ich wollte auf  meinen Auftritt vorm Büro einfach nicht verzichten und fuhr mit dem Auto.

Ich parkte ein. Möglichst unbeteiligt guckend und mit Unschuldsmiene klappte ich den Lift aus und hievte den E-Stuhl auf die Plattform des Lifts. Gerade als ich mich auf Straßenniveau hinab senken wollte, kam ein erster herrlich unbeteiligt und unvorbereitet aussehender Passant vorbei. Er blickte sich ausfürhlich um, so als suche er eine Hausnummer. Ich nahm ihn nur aus dem Augenwinkel wahr (denn ich hatte es mir ja zur Aufgabe gemacht, möglichst unbeteiligt drein zu schauen!). Ich dachte noch: ‘Ha! Jetzt sei doch endlich ein wenig verdutzt. Schließlich steigt hier ein schwer mehrfach behinderte Kleiner im Rollstuhl aus seinem großen, großen Bus aus. Das kannst Du einfach nicht erwartet haben!’ Da passierte es…

Ein Auto in der Einfahrt vor meinem Parkplatz setzte sich rückwärts in Bewegung. Ich fragte mich, warum es so zielstrebig in Richtung meines ja so großen, großen Busses einschwenkte, als der herrlich unbeteiligt wirkende Passant seine Unbeteiligung schlagartig aufgab, und auf einmal ehr engagiert wurde. Ja, es schien mir, als habe er spontan ein Herz für kleinwüchsige Formel-1-Piloten zu großer Kraftfahrzeuge entwickelt und sich dem Fahrer des rückwärts setzenden Autos entgegen werfen wollen, bevor dieser in meinem Wagen krachen würde.

Erst, als ich mit dem E-Stuhl schon auf dem Asphalt des Bürgersteigs angekommen war, wurde mir klar, dass der Passant, dessen urplötzlichen Aktivitätsschub ich eben beobachten konnte, der Fahrer eben desjenigen Autos war, das sich meinem Ford unaufhaltsam rückwärts fahrend näherte. Er hatte ganz offensichtlich vergessen, die Handbremse zu ziehen, als er das Auto in der leicht abschüssigen Abfahrt abgestellt hatte. Nun stämmte er sich mit aller Kraft zwischen meinen und seinen Wagen und schaffte es tatsächlich, sein Gefährt kurz vor einem Zusammenstoß mit Muskelkraft zu stoppen.

So war ich, der anderen gern einen Moment des Unerwarteten gönne, auf einmal fast selbst Opfer einer Situation geworden, die ich nicht erwartet hatte. Das hat mich nachdenklich gemacht. Auf jeden Fall hatte ich für die nächsten paar Tage, die ein ähnlich nettes, nicht zu heißes, nicht zu kaltes Wetter versprachen, den Transit zu Hause stehen lassen und bin per E-Stuhl zur Arbeit gefahren. Man kann auf diesem Weg wirklich prima frische Luft tanken, selbst in einer Großstadt! Und erst die vielen Möwen auf der Spree an der Oberbaumbrücke…