Es ist schon ein paar Jahre her. Damals hatte ich mich entschlossen, meinen Geburtstag etwas größer zu feiern. Ich hatte zu 18.00 Uhr eingeladen. Und Punkt 18.00 Uhr klingelte es dann auch an der Tür. Etwas ungläubig und mit dem Gedanken im Kopf, meine Gäste maßlos unterschätzt zu haben, öffnete ich die Tür.
Vor der Tür standen aber zwei junge Männer, die ich gar nicht kannte. Adrett gekleidet mit Hemd, Anzugshose und Schlips. Sie wünschten artig „Guten Tag“. Und sofort hörte ich dieses charakteristisch breite amerikanisierte Deutsch, dass ich schon aus Utah in den USA kannte. Und zwar von Kandidaten der Mormonen-Kirche, die sich im Sprachenzentrum in Provo auf ihre Mission in Deutschland vorbereiten. Und tatsächlich: meine beiden Türsteher sagten auch prompt, sie kämen von der Kirche Jesus Christi der Heiligen der Letzten Tage.
Nun wusste ich ja, dass es bei den Mormonen üblich ist, als junger Mann nach dem Abschluss der High School für zwei Jahre auf Mission in die Welt zu ziehen, um möglichst viele „Ungläubige“ zu bekehren. Stets zu zweit und in Sonntagskleidung mit einem kleinen Namensschild am Hemd unterwegs sprechen diese jungen Missionare dann Menschen auf der Straße an oder klingeln an Türen, um von ihrem Glauben zu berichten. Dabei wird es angeblich von Gott bestimmt, in welches Land die jungen Missionare geschickt werden. Und bevor sie dorthin ziehen bzw. fliegen, werden sie an der Brigham Young Universität in Provo, Utah, mit einem sehr intensiven Schnellkurs auf die jeweilige Landesprache vorbereitet. Der Nebeneffekt: Die Universität in Provo hat eines der größten Sprachenzentren der Welt.
Als resistenter Glaubensverweigerer fragte ich mich natürlich verdutzt, wie es kommen konnte, dass ausgerechnet bei mir und ausgerechnet an meinem Geburtstag Missionare der Mormonen bei mir auftauchten. Und ich fragte die beiden jungen Männer, ob sie geschickt worden wären. Sie sagten, es habe einen Herren in den USA in der Nähe von Salt Lake City gegeben, der Ihnen die Nachricht übermittelt habe, dass es da in Berlin einen Menschen gebe, der genau an diesem Tage bereit sei, den wahren Glauben zu empfangen. Als ich nachfragte, kam heraus, dass dieser Herr niemand anderes war als mein Gastvater, in dessen Familie ich Jahre zuvor als Austauschschüler gelebt hatte.
Ja, so konnte ich wieder einmal live erfahren, welch missionarisches Eifer Mormonen an den Tag legen können. Mein Gastvater hatte mich also noch nicht verloren gegeben. Irgendwie hat mich das auch sehr angerührt. Trotzdem schickte ich die Missionare weg. Und die Geburtstagsgäste hatte ich tatsächlich nicht unterschätzt. Sie kamen erst etwa eine Stunde später, so dass noch genug Zeit war für mich, um das Erlebte provisorisch zu sortieren.