P.R. Kantate bei Jürgen Jürgens?

Juli 28, 2007 von Fabian Schwarz

Letzten Mittwoch hat Jürgen Jürgens, ein Moderator des Berliner Stadtradios „88,8″ stellvertretend die Sendung „Deutsche Vita“ moderiert und auch einige Songs von P.R. Kantate aus dem aktuellen Albulm „Dick in Jeschäft“ gespielt. Danach verwies er auf seine eigene Sendung „Hey Music“ am Montag, 30. Juni, und sagte, dass dort mehr von P.R. Kantate zu hören wäre. Ob P.R. Kantate dann wohl auch selbst im Studio ist? Am Montag um 19.30 Uhr das Stadtradio einschalten und mehr erfahren …

Übrigens: das Berliner Stadtradio ist auch über das Internet zu hören. Man benötigt lediglich den Realplayer.

„Heutzutage iss’ allet möglisch!“

Juli 14, 2007 von Fabian Schwarz

So dann und wann muss ich als kleiner Mensch auf diesem Blog einfach damit prahlen, dass ich ein großes Auto fahre. Aber es gibt auch immer wieder zu komische Situationen aufgrund der Tatsache, dass ich mit nur 120 cm Körperkürze einen Ford Transit steuern kann.

Neulich musste eine Kleinigkeit im Fußraum meines Busses gerichtet werden, und ich bat einen Assistenten, dies für mich zu erledigen. Um genau erklären zu können, worum es geht, kam ich mit zum Auto. Mein Assistent musste sich ganz schön verrenken und lag schnell bäuchlings quer vor Beifahrer- und Fahrersitz, um das Gewünschte auszuführen. Ich stand in meinem kleinsten Rollstuhl vor dem Auto und gab zu jedem Arbeitsschritt meine mehr oder minder hilfreichen Kommentare.

Nur noch die Beine des Assistenten schauten aus der Beifahrertür, als ein Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung auftauchte. Der Müllmann begann, Mülltonnen aus dem Müllraum unseres Hauses auf die Straße zu ziehen und vor meinem Auto aufzubauen. Offensichtlich sollte es den Kollegen auf dem Müllauto so leichter gemacht werden, die Tonnen zu leeren.

Nun sah der Stadtreiniger aber mich und die Beine meines Assistenten, die aus dem Auto ragten. Er fragte mich: „Kommt der Fahrer trotz der Tonnen aus der Parklücke raus?“ Ich freute mich über die fürsorgliche Frage und wunderte mich nicht weiter darüber, dass sie in der dritten Person an mich gerichtet war.  Das kannte ich zu genüge aus Situationen, in denen meine Gesprächspartner etwas verunsichert waren, weil sie vielleicht noch nicht allzu häufig Kontakt zu rollstuhlfahrenden und kleinen, aber trotzdem erwachsenen Mitmenschen aufgenommen hatten.

Ich antwortete also im gleichen Stil: „Ja, der Fahrer kommt so aus der Parklücke. Kein Problem.“ Der Müllmann sah mich etwas mahnend an und konterte mit Berliner Schnauze: „Ick hab’ aber nich dich jefragt, sondern den Fahrer!“ Es gibt Tage, da komme ich bei solchen Ansagen ganz schön ins Schleudern. Nicht so an diesem Tage. Ich konnte souverän dagegen halten: „Ick bin doch der Fahrer, oder gloobste dit nich?“

Der Müllmann zuckte mit den Achseln und sagte: „Heutzutage iss allet möglisch!“ Dann trollte er sich zum nächsten Hausaufgang.

Seit dieser Begegnung grüßt mich der Stadtreiniger immer, wenn wir uns sehen. Und dann und wann ist auch ein wenig Zeit, über die schlechte Disziplin der lieben Mitmenschen beim Müllsortieren zu sprechen. Oder über den vielen Hundekot auf den Straßen oder über das Wetter. Was auch immer wir bereden, seit dieser ersten Begegnung siezen wir uns beide konsequent und sind auch nie wieder ins Berlinerische verfallen. Irgendwie komisch.

Das Hitzestöckchen

Juli 14, 2007 von Fabian Schwarz

Ja, da habe ich also mein erstes Stöckchen zugeworfen bekommen. Es kam von meiner Cousine Vera am 11. Juno. Und ich alter, aber schlauer Hund habe es ein paar Tage liegen gelassen, um dann sofort zu erkennen: „Hitze? Die gibt’s doch gerade gar nicht!“ Und Fuchs, der ich bin, habe ich einfach gewartet, bis es wieder heiß wird im Lande. Jetzt ist es soweit, zumindest verspricht der Wetterbericht für Morgen sommerliche 32 Grad Celsius. Also Grund genug, das Hitzestöckchen endlich aufzunehmen. Und um meiner Cousine „Sorry“ zu sagen für das lange Nichtstun in puncto „Hitzestöckchen“.

… dein erster Gedanke beim aufstehen?
„Warum muss ich jetzt schon raus?“, und dann flüstert das Bett verführerisch: „Bleib hier!“, und ich gehorche. Deshalb stelle ich meinen Wecker inzwischen immer auf eine Zeit eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Aufstehen.

…Ventilator?
Habe ich im Büro. Und er ist für heiße Tage unverzichtbar. Ansonsten könnten meine Kolleginnen und Kollegen an meiner Stirn kleine Geysire in die Höhe schießenden Wassers beobachten.

… Nachmittags schwimmen gehn?
Nöö, das mache ich bei heißen Tagen nicht. Ist mir zu aufwändig. Dafür steige ich dann lieber ein zweites Mal unter die Dusche. Die übrigens auch an wärmsten Tagen schön heiß sein muss. Dies ist das einzige, was ich mir bei meinen beiden Sommerreisen nach Japan vor vielen, vielen Jahren nachhaltig abgeschaut habe. Die Sprache eher nicht …

… Fenster auf oder zu?
Na, bei Hitze immer zu. Für den nötigen Zugwind habe ich ja mein Ventilatörchen.

So, dieses Stöckchen gebe ich an Jens Bertrams weiter.

Ich mach’ selten Werbung, aber …

Juli 1, 2007 von Fabian Schwarz

Ich wollte hier ja eigentlich nie Werbung machen. Aber gerade bin ich auf Musik gestoßen – für die muss ich mich einfach ins Zeug legen! Der Berliner Sänger P.R. Kantate hat ein neues Album raus gebracht, es heißt: „Dick in Jeschäft“. Und das ist jut! Richtig juut!

Das „P. R.“ im Namen von Kantate steht für „Platten Reiter“, ist also eine Eindeutschung von „DJ“ bzw. „Disc Jockey“. Und das Eindeutschen von Englischem bzw. das Vermischen scheinbar unvereinbarer Stile ist Programm: P.R. Kantate singt zumeist auf Deutsch, aber die Lieder kommen stets als Reggae oder Ragga daher, oft gemischt mit Rap-Einlagen. Das Ganze würzt er noch mit einer großzügigen Prise Berliner Dialekt und nennt es dann „Berlingua“. Ich nenne es einfach großartig!

Aufmerksam geworden bin ich auf P.R. Kantate schon 2003, als er mit seinem Song „Görli, Görli“ wochenlang in den Berliner Radiosendern zu hören war. In dem Song wird auf eingängige Weise neben dem titelgebenden Görlitzer Park so ungefähr jeder wichtige und unwichtige Platz Berlins und so manche Straße besungen. Deshalb lässt dieses Lied auch heute noch mein echtberliner Herz immer wieder höher schlagen.

Nach 2003 wurde es um P.R. Kantate jedoch wieder still. Sehr still. Im Radio hörte ich nichts mehr von ihm, und nur in einem Online-Musikgeschäft gab es hin und wieder ein kleines Lebenszeichen in Form eines neuen Liedchens, das zum Runterladen angeboten wurde. Und weil es so still um Herrn Kantate war, habe ich auch sein erstes Album verpasst, mit dem er im letzten Jahr beim Publikum vorstellig wurde.

Doch nun gibt es seit dem 22. Juni  ja „Dick in Jeschäft“. Mit diesem Album sollte P.R. Kantate tatsächlich wieder aus der Stille heraustreten können und vielleicht auch wirklich dick ins Geschäft kommen.

Herr Kantate hat auf seinem Album nämlich gleich einen ganzen Stapel guter Lieder veröffentlicht, und was für welche! Es sind alles Cover von Songs aus den 80ern. Seine intelligenten Arrangements und sein Wortwitz machen jedoch fast jeden Track zu einer Neuschöpfung und echten Entdeckung. Und so gibt es nicht nur ein Wiederhören, sondern vor allem ein Neuhören von alten NDW-Hits wie den „Blauen Augen“, „Eisbär“ oder „Da, da, da“. Wir machen Bekanntschaft mit „Karl dem Kiffer“, der nicht gefragt wird, und der uns verdammt stark an das Schicksal eines gleichnamigen Käfers erinnert. Schließlich erfahren wir im „König von Kreuzberg“, dass ein Königreich nicht gleich deutschland-groß sein muss, um darin gute Taten zu vollbringen.

Aber das Album bietet  noch mehr. So hören wir in einer Neuauflage des Puhdys-Klassikers „Geh zu ihr“, dass es Vorteile haben kann, wenn niemand weiß, dass Mann „Hosenscheißer“ heißt. Und wir lernen, dass P.R. Kantate auch englischsprachige Schmachtfetzen in fetzige Reggae-Nummern umschreiben kann. Selbst vor zweifelhaften Ergüssen wie einem „You’re My Heart, You’re My Soul“ von Modern Talking macht seine Cover-Wut nicht halt. Bei ihm heißt es dann „U me Heart“ und ist ebenfalls richtig nett.

Mein Fazit: auch wenn mich jetzt niemand direkt danach gefragt hat, rate ich unbedingt zur  Anschaffung des neuesten Werkes von P.R. Kantate. Denn wie heißt es so schön? „Dieses Album sollte in keiner gut sortierten Plattensammlung fehlen!“

Oder wie Herr Kantate vielleicht sagen würde: „Jehste in Laden und koofst dit schnuckelige Ding, bin ick wieda dick in Jeschäft.“

Schreibblockaden lösen

Juni 7, 2007 von Fabian Schwarz

Ich bin blockiert, und zwar schreibblockiert. Und dies schon seit Wochen. Aber jetzt wird es Zeit, diese Blockaden zu lösen. Dies hat nichts mit dem gerade an der Ostsee tobenden G8-Gipfel zu tun. Obwohl auch hier einige Blockaden eine Rolle spielen. Aber ich will ja nicht durch ein möglichst häufiges Erwähnen des Stichwortes „G8“ meine Seitenaufrufe nach vorne katapultieren. Dies wäre ja fast schon ein Blog-Doping, und das würde dann wieder an die Doping-Geständnissse einiger Rad-Profis erinnern. Womit ein anderes leser-heischendes Stichwort gefallen wäre …

Nein, hier soll es nicht um das Aufbessern irgendwelcher Blog-Statistiken gehen, sondern darum, wie ich wieder in einen Schreibfluss gelangen kann. Deshalb stelle ich hier einfach mal knapp zwei Themen vor, die mir gerade einfallen.

Zum einen die immer noch geltende Maxime in unserer Gesellschaft: „Behinderte sind stets per Du anzusprechen“. Ich stand neulich im Supermarkt vor einem Kühlregal. Eine Ware, die mich interessierte, war Lichtjahre entfernt von dem Greif-Radius meiner Hände. Neben mir standen eine junge Frau und ihr männlicher Begleiter. Die Arme der beiden schienen OK und in der Lage zu sein, in ungeahnte Welten vorstoßen zu können. Ich fragte die beiden also: „Könnten Sie mir bitte den Artikel XY aus dem Regal reichen?“ Er antwortet: „Klar, gern! Aber was genau willst Du haben?“

Zum anderen muss ich auf meine Behauptung vom April 2006 eingehen, dass der Screenreader „VoiceOver“ des Mac-Betriebssystems noch nicht einmal mit seiner eierlegenden Wollmilchsaus „iTunes“ reden mag. Zur Erinnerung: ein Screenreader ist ein Programm, dass blinden Menschen die Inhalte auf dem Bildschirm eines Computers vorliest. Nun, inzwischen redet „VoiceOver“ auf einem Mac auch mit „iTunes“.

So, das war es für heute. Die Schreibblockaden haben, so glaube ich, wieder die Oberhand erlangt. Aber mal sehen, für wie lange …

Tischlein deck’ dich – auf der Autobahn?

April 3, 2007 von Fabian Schwarz

Es war Sonntag, ich war eingeladen zu einem Brunch und ich fuhr ohne Frühstück los. Dass ich nach dem Aufstehen nichts gegessen hatte, bereute ich bereits, als ich 100 m von meiner Wohnung entfernt auf die Hauptstraße abbog. Ich hatte Hunger, großen Hunger.

Dabei hatte ich bewusst auf das Frühstück verzichtet. Ich wollte nicht allzu schnell schlapp machen bei dem zu erwartenden leckeren Buffet. Mit leerem Magen und gutem Hunger, so hatte ich mir gedacht, müsste dieser Vorsatz umsetzbar sein.

Aber nun war aus dem guten Hunger schon ein großer Hunger geworden und drei Straßen weiter endlich einer, der auf den Namen „morgendliche Übelkeit“ hören wollte. Ich atmete bewusst tief ein und wieder aus, was die Sache auch nicht besser machte, und fuhr weiter.

Auf der Stadtautobahn war in einer Kurve die rechte Spur gesperrt. Ich bremste etwas ab. Und wie aus einer anderen Welt tauchte auf der gesperrten Spur plötzlich eine weiß gedeckte Tafel auf – mitten auf dem Asphalt. Ich bremste stärker. Auf dem weißen, leicht wehenden Tischtuch fanden sich verschiedenste Speisen und Getränke, sehr hübsch angerichtet, soweit ich das im Vorbeihuschen mit meinem Auto erfassen konnte. Und um den langen Tisch herum saßen an die zwanzig Menschen, die genüsslich aßen und sich zu prosteten.

Meine Augen wollten aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kommen. Und mir schoss verschwommen die Frage durch den Kopf, ob mir der Hunger da gerade einen Streich spielte. Dann aber gab die Kurve weitere Details frei. Ich sah ein rotes Cabriolet, ohne Räder, aufgebockt und effektvoll angeleuchtet von mehreren Scheinwerfern. Daneben standen zwei große Kameras, deren Objektive offensichtlich auf das Auto ausgerichtet waren.

Auf der Stadtautobahn wurde an einem ruhigen Sonntag Vormittag ein Film gedreht. Das war alles! Da dies jedoch zu einer Zeit geschah, als Berlin noch Lichtspieljahre davon entfernt war, deutsche Filmdreh-Haupstadt zu sein, war ich es nicht gewöhnt, wie ausgefallen mitunter das Catering für eine Film-Crew ausschauen konnte. Damals hatte mich das „Tischlein deck’ dich!“ auf der Autobahn wirklich tief beeindruckt. So tief, dass mein Hunger dann auf einmal wie weggeblasen war.

Wirklich ein erster Sex-Traum?

März 4, 2007 von Fabian Schwarz

Heute Morgen habe ich eine Sendung im Deutschlandradio Kultur gehört, in der Axel Hacke Studiogast war. Der Autor und Kolumnist Hacke hatte vor einiger Zeit ein Buch verfasst, in dem sich alles um das Daneben-Hören und Umdichten von Liedtexten durch Kinder dreht. So zum Beispiel beim Lied „Der Mond ist aufgegangen“. Da wurde schon mal aus der Textzeile: „Und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar.“ der Verhörer: „Und aus den Wiesen steiget / der weiße Neger Wumbaba.“

Weil es ein so schöner Verhörer ist, trägt Hackes Buch ihn auch im Titel: „Der weiße Neger Wumbaba. Kleines Handbuch des Verhörens“. Demnächst erscheint ein zweiter Band zum Thema und so beschäftigte sich ein Großteil der Sendung im Deutschlandradio mit dem kindlichen Verhören.

Dieses Falsch-Hören passiert aber nicht nur Kindern. Als ich der Sendung lauschte, kam mir die Jahre zurückliegende Begegnung mit einem Taxifahrer in den Sinn:

Ich saß in einem Taxi und der Taxifahrer spielte eine Kassette mit Liedern von Bryan Adams. Plötzlich ertönte das Lied „Summer of 69″. Ich war und bin nicht sehr bewandert, was Liedtexte englischer Popmusik betrifft. Das wollte ich jedoch nicht zugeben. Deshalb habe ich stets intensiv die Texte nachgelesen, wenn ich sie auf dem Cover einer CD finden konnte, um dann später im Kreise von Freunden und Bekannten nicht aufzufallen. Und wie es der Zufall so wollte, hatte ich gerade den Text von „Summer of 69″ auswendig gelernt.

Als Bryan Adams nun seine erste Zeile gesungen hatte, sagte mein Taxifahrer sehr bewegt, dass er noch nie solch ein ehrliches Lied gehört habe. Ich fragte ihn wieso. Er antwortete, dass es in dem Lied ja um den ersten Sex-Traum eines Jungen gehe. So etwas würden die meisten Männer ja nie im Leben zugeben, Bryan Adams dagegen hätte da keine Scheu. Und dies würde er zutiefst bewundern.

Für einen Moment war ich verwirrt. Dann ahnte ich aber, dass der Taxifahrer offensichtlich ähnliche Schwierigkeiten mit dem Verstehen von englischsprachigen Songs hatte wie ich. Vermutlich hatte er die erste Zeile so gehört: „I got my first real sex-dream„. Richtig lautet sie aber: „I got my first real six-string„, ist also eine stolze Meldung über den Erstbesitz einer ernstzunehmenden E-Gitarre.

Nun ja, weil mir solche Fehler ja auch immer wieder unterliefen, hielt ich meinen Mund. Und ich war froh, mit meinen Verhörern nicht allein zu sein auf der Welt.

Taschenspielertricks eines Werkstattträgers

Februar 9, 2007 von Fabian Schwarz

Letztes Jahr hatte ich das Jahresmagazin einer Firma durchgelesen, die hier in Berlin mehrere sogenannte Werkstätten für behinderte Menschen betreibt. Das Magazin war in Hochglanz gedruckt.

Als ich die glatten Seiten durch meine Finger quietschen ließ, stolperte ich schon bald über eine kleine Meldung. Sie befand sich auf Seite 3, so glaube ich. Ganz „State of the Art“ war sie locker flockig schräg von oben in das Seiten-Layout eingehängt worden. In der Meldung hieß es: man sei der dritt-größte Arbeitgeber in Berlin. Und ein Ausschnitt der Statistik einer wichtigen Hauptstadtzeitung zur Zahl der Beschäftigten in verschiedenen Unternehmen in Berlin war zu sehen. Der Werkstattträger rangierte in diesem Statistikschnipsel tatsächlich auf Platz 3. Unter der Statistik stand – ebenfalls so schräg aufgehängt wie der Rest: „Sie hatten uns ja nicht nach wirklich sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen gefragt!“

Offensichtlich hatte die Zeitung ihre Statistik aus einer Umfrage unter den in Berlin ansässigen Firmen erstellt. Mich hat vor allem dieses Ausrufezeichen am Ende der Meldung gestört. Es gab der Nachricht eine Art von Triumph, der bereits wusste, dass er sich selbst eigentlich nicht zustand. Aber doch war der Triumph da, und er hatte etwas von einem Taschenspielertrick. Und wirklich: wie kann man sich freuen, tausende Werkstattbeschäftigte, die gerade mal ein dürftiges Taschengeld verdienen, als reguläre Arbeitskräfte auszugeben? Pfui Teufel!

Ich bin gespannt auf die Ausgabe des Hochglanzmagazins in diesem Jahr. Sollte es sich wieder über einen solchen Betrug freuen?

Die Yuka-Palme

Januar 27, 2007 von Fabian Schwarz

Ach, heute erzähle ich euch einmal die Geschichte von meinem Besuch in einem Blumenladen:

Ich wollte eine Grünpflanze für meine neue Wohnung kaufen. Mit Assistentin zog ich also los zum nächsten Blumenladen. Für die, die diesen unregelmäßigen Blog nicht regelmäßig lesen: ich bin sehr klein und nutze den Rollstuhl, um mich fortzubewegen, da ich nicht laufen kann und Berliner Straßen nicht entlang kriechen mag.

So, zurück zu meiner Geschichte: Nun erscheint also meine nicht ganz alltägliche Erscheinung in einem typischen Neuköllner Blumenladen. Die Verkäuferin schaut erwartungsfreudig – meine Assistentin an. Ich sage tapfer von unten aus meine Rollstuhl heraus: „Ich möchte gern eine Grünpflanze kaufen, so eine, wie sie vor ihnen steht!“. Die Verkäuferin antwortete: „Ah, er möchte also eine Yuka-Palme kaufen!“, und wirft meiner Helferin einen viel sagenden Blick zu. Diese sagt tapfer, dass sie Herrn Schwarz lieber selbst ansprechen möge.

Die Verkäuferin darauf: „Möchte er auch einen Übertopf zu der Palme?“, wiederum mit Augenkontakt zu meiner Assistentin. Nun ist es an mir, tapfer zu sein, und ich sage: „Ja, er möchte auch einen Übertopf, und zwar in weißem Porzellan, so wie da hinten im Regal!“

Davon lässt sich die Verkäuferin allerdings nicht beirren. Sie schaut wieder über mich hinweg meine Helferin an und wiederholt dann: „Ah, er möchte einen weißen Übertopf dazu!“ Ich kontere standhaft: „Ja, so ist es! Er will einen weißen Übertopf.“.

Die Verkäuferin verkündet – wiederum an meine Helferin gerichtet – wieviel das Ensemble aus Yuka-Palme und Topf kosten soll. Ich zücke mein Geld und komme mir langsam vor, wie der brave Zinnsoldat aus einem Märchen von Hans-Christian Andersen. Meine Assistentin reicht das Geld über den Tresen, die Verkäuferin gibt das entsprechende Kleingeld zurück und wickelt anschließend Übertopf und Palme in Packpapier ein.

Vor dem Laden gibt es eine Stufe. Dies fällt nun auch der Verkäuferin auf. Sie sagt, dass sie uns die Sachen noch raus bringen würde, offensichtlich, um es meiner Assistentin leichter zu machen, mich, also den Rollstuhl, aus dem Laden zu bugsieren.

Dann stehen wir vor dem Laden. Die Verkäuferin überreicht meiner Helferin die Yuka-Palme und den Übertopf und sagt abschließend: „Ja, war er auch mal in ‘nem Blumenladen!“ Ich weiß nicht mehr, was ich antworten soll. Meine Assistentin auch nicht. Und so ziehen wir kommentarlos von dannen.

Nun, was ich hier erzählt habe, liegt schon zehn Jahre zurück. Und heute ist mein Erscheinen – und das Erscheinen von behinderten Menschen allgemein – in der Öffentlichkeit um viele Grade selbstverständlicher geworden als damals. Aber hin und wieder, und immer noch öfter, als mir lieb ist, treffe ich auf Menschen wie die geschilderte Verkäuferin aus dem Blumenladen.

Ein Abschied

Januar 25, 2007 von Fabian Schwarz

Keine Rast (Hermann Hesse)

Seele, banger Vogel du,
immer wieder mußt du fragen:
Wann nach so viel wilden Tagen
kommt der Friede, kommt die Ruh?

Ob, ich weiß: kaum haben wir
unterm Boden stille Tage,
wird vor neuer Sehnsucht dir
jeder liebe Tag zur Plage.

Und du wirst, geborgen kaum,
dich um neue Leiden mühen
und voll Ungeduld den Raum
als der jüngste Stern durchglühen.

Am 20. Januar 2007 zwischen 8.50 Uhr und 9.00 Uhr starb mein lieber Onkel in einem gastfreundlichen Hospiz in Berlin-Moabit. Er war es, der mich vor langer, langer Zeit mit der Computertechnik bekannt gemacht hatte.

Seine Ungeduld und sein Lebenswille haben der ungünstigen Prognose der Ärzte Jahre lang getrotzt. Aber zu guter Letzt musste der zähe Segler dann doch seine Segel endgültig einholen.

Sein Tod schmerzt und ich vermisse ihn.