Archive for Mai 2006

Überraschende Geburtstagsgäste

Mai 19, 2006

Es ist schon ein paar Jahre her. Damals hatte ich mich entschlossen, meinen Geburtstag etwas größer zu feiern. Ich hatte zu 18.00 Uhr eingeladen. Und Punkt 18.00 Uhr klingelte es dann auch an der Tür. Etwas ungläubig und mit dem Gedanken im Kopf, meine Gäste maßlos unterschätzt zu haben, öffnete ich die Tür.

Vor der Tür standen aber zwei junge Männer, die ich gar nicht kannte. Adrett gekleidet mit Hemd, Anzugshose und Schlips. Sie wünschten artig „Guten Tag“. Und sofort hörte ich dieses charakteristisch breite amerikanisierte Deutsch, dass ich schon aus Utah in den USA kannte. Und zwar von Kandidaten der Mormonen-Kirche, die sich im Sprachenzentrum in Provo auf ihre Mission in Deutschland vorbereiten. Und tatsächlich: meine beiden Türsteher sagten auch prompt, sie kämen von der Kirche Jesus Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Nun wusste ich ja, dass es bei den Mormonen üblich ist, als junger Mann nach dem Abschluss der High School für zwei Jahre auf Mission in die Welt zu ziehen, um möglichst viele „Ungläubige“ zu bekehren. Stets zu zweit und in Sonntagskleidung mit einem kleinen Namensschild am Hemd unterwegs sprechen diese jungen Missionare dann Menschen auf der Straße an oder klingeln an Türen, um von ihrem Glauben zu berichten. Dabei wird es angeblich von Gott bestimmt, in welches Land die jungen Missionare geschickt werden. Und bevor sie dorthin ziehen bzw. fliegen, werden sie an der Brigham Young Universität in Provo, Utah, mit einem sehr intensiven Schnellkurs auf die jeweilige Landesprache vorbereitet. Der Nebeneffekt: Die Universität in Provo hat eines der größten Sprachenzentren der Welt.

Als resistenter Glaubensverweigerer fragte ich mich natürlich verdutzt, wie es kommen konnte, dass ausgerechnet bei mir und ausgerechnet an meinem Geburtstag Missionare der Mormonen bei mir auftauchten. Und ich fragte die beiden jungen Männer, ob sie geschickt worden wären. Sie sagten, es habe einen Herren in den USA in der Nähe von Salt Lake City gegeben, der Ihnen die Nachricht übermittelt habe, dass es da in Berlin einen Menschen gebe, der genau an diesem Tage bereit sei, den wahren Glauben zu empfangen. Als ich nachfragte, kam heraus, dass dieser Herr niemand anderes war als mein Gastvater, in dessen Familie ich Jahre zuvor als Austauschschüler gelebt hatte.

Ja, so konnte ich wieder einmal live erfahren, welch missionarisches Eifer Mormonen an den Tag legen können. Mein Gastvater hatte mich also noch nicht verloren gegeben. Irgendwie hat mich das auch sehr angerührt. Trotzdem schickte ich die Missionare weg. Und die Geburtstagsgäste hatte ich tatsächlich nicht unterschätzt. Sie kamen erst etwa eine Stunde später, so dass noch genug Zeit war für mich, um das Erlebte provisorisch zu sortieren.

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BVG tut manchmal weh

Mai 9, 2006

Die öffentlichen Verkehrsbetriebe von Berlin heißen BVG (Berliner Verkehrsgesellschaft) und S-Bahn GmbH. Die BVG betreibt U-Bahn, Bus und Tram. Die S-Bahn GmbH die S-Bahn.

Ich nutze die öffentlichen Verkehrsmittel selten, weil ich als Rollstuhlfahrer meist schneller und unkomplizierter mit meinem Auto durch die Stadt komme. Meinen Elektrorollstuhl habe ich dann immer in meinem "Ford Transit" Kleinbus dabei, mit einem elektrischen Lift verladen und durch eine feste Arretierung gut gesichert.

Aber es gibt Situationen, in denen ich mein Auto stehen lasse und lieber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahre. Meist mit der U-Bahn. Und leider gibt es dabei immer noch zu oft gravierende Probleme. So auch heute am Abend.

Weil ich mit einer Freundin im Prenzlauer Berg auf ein Bier ausgehen wollte, hatte ich mich entschlossen, mit der U-Bahn dorthin zu fahren. Ich war mir des Risikos durchaus bewusst, sind doch Abfahrts- und Ziel-Bahnhof mit Aufzügen ausgestattet, jedoch nicht die nächsten Bahnhöfe davor und danach. Soll heißen: wenn der Aufzug am Abfahrts- oder Ziel-Bahnhof kaputt sein sollte, müsste ich große Umwege in Kauf nehmen.

Nun, auf dem Hinweg zum Prenzlauer Berg lief alles glatt. Alle Aufzüge funktionierten. Aber am späteren Abend kam es, wie es kommen musste. Der Aufzug am Ziel-Bahnhof ganz in der Nähe meiner Wohung war inzwischen außer Betrieb gegangen. Und, wie gesagt, die benachbarten Bahnhöfe sind nicht mit Aufzügen ausgestattet. Deshalb musste ich noch ganze drei Stationen weiterfahren, um den nächsten und – Gott sei Dank – funktionierenden Aufzug zu erreichen.

So hatte ich einen langen Weg mit dem Elektrorollstuhl an der frischen Luft, bis ich bei mir zu Hause eintraf. Das tat weh. Aber der Weg bot auch Gelegenheit, über die Barrierefreiheit der BVG im Bereich ihrer U-Bahnen zu sinnieren.

1. Gedanke: Die meisten U-Bahnzüge sind älterer Bauart. Sie haben eine ziemlich hohe Stufe, um in sie hinein zu gelangen. Deshalb muss ich mich als Rollstuhlfahrer vorne an der Spitze des Zuges beim Fahrer bemerkbar machen, damit dieser eine Rampe an den Wagon anlegt, so dass ich schwellenlos in den Zug rollen kann. Nun sind die Zugfahrer jedoch nie darüber informiert, ob am Zielbahnhof, an dem man als Rollstuhlfahrer aussteigen will, auch die Aufzüge funktionieren. Ich wurde schon öfters, nicht nur heute, an dem von mir gewählten Bahnhof vom Fahrer per Rampe aus seinem U-Bahnzug entlassen, obwohl der Aufzug dort gar nicht in Betrieb war. Nervige Konsequenz aus dieser Wissenslücke: bis ich zum Fahrstuhl gerollt bin und festgestellt habe, dass dieser nicht funktioniert, ist mein Zug weg, und ich muss längere Zeit warten, bis eine neue U-Bahn eintrifft, die mich zum nächsten Bahnhof mit Fahrstuhl bringen kann.

2. Gedanke: Wenn nun jede Station mit einem Fahrstuhl ausgestattet wäre, wöge es womöglich nicht so schwer, wenn einmal auf einem Bahnhoft der Aufzug kaputt wäre. Man führe einfach zum nächsten Bahnhof. Zurzeit ist es aber noch so, dass nur wenige U-Bahnhöfe mit Aufzügen ausgestattet sind. Ist also der Fahrstuhl auf einem Bahnhof kaputt, bedeutet dies in der Regel, einen Umweg von mehreren Stationen in Kauf nehmen zu müssen, um wieder ans Tages- bzw. Nachtlicht zu gelangen. So war es mir ja auch heute Abend passiert.

3.Gedanke: Ja, und dann sind da noch die Info-Säulen auf jedem Bahnhof. An diesen sollte man sich als Rollstuhlfahrer eigentlich per Knopfdruck hilfreiche Informationen holen können. Aber meistens ist es genau umgekehrt und man versorgt stattdessen die Damen von der Info-Zentrale mit wichtigen Streckeninformationen. Heute, aber auch an anderen Tagen, war es so. Der Stimme in der Info-Säule war es ganz neu, dass der Fahrstuhl am Bahnhof, auf dem ich stand, außer Betrieb ist. Und einmal habe ich es sogar erlebt, dass mir meine Gesprächspartnerin an der Info-Säule nach mehreren Minuten Recherche versicherte, dass der Fahrstuhl auf einem benachbarten Bahnhof auf jeden Fall funktioniert, ich aber feststellen musste, dass der Aufzug auf der betreffenden Station gar nicht existierte, weil er einer umfangreicheren Baustelle gewichen war.

Das Fazit auf meiner verlängerten Heimfahrt heute Abend lautete deswegen: Die BVG muss ihre Fahrer und ihre Info-Leute endlich mit dem Pannenreport vernetzen, damit man als Rollstuhlfahrer nicht hoffnungsvoll auf einem Bahnhof aussteigt, an dem gar nichts geht. Und es braucht wesentlich mehr Aufzüge auf den U-Bahnhöfen dieser Stadt. Dann fiele der Ausfall eines Fahrstuhls auch nicht so ins Gewicht.

Aber solange es noch so viele Stationen ohne Fahrstuhl und in Punkto Fahrstuhldefekte uninformierte Fahrer und unwissendes Service-Personal gibt, tut die BVG sicher noch manches Mal so weh, wie sie es heute Abend wieder getan hat.

Per Anhalter durch die Gneisenaustraße

Mai 4, 2006

Ich bin ja nicht sehr groß. Sondern mehr der Typ "winzig kleiner Rolli-Fahrer". Aber ich fahre inzwischen einen respektabel großen Ford Transit Bus. Ich tue dies, weil ich so auch meinen sperrigen Elektro-Rolli locker mit dem Auto mitnehmen kann.

Aus der Kombination "großer Bus" und "kleiner Fahrer" ergeben sich immer wieder witzige Situationen. Und die möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten. Als Auftakt einer Serie interessanter Begebenheiten möchte ich heute von einem abendlichen Erlebnis im frühlingshaften Berlin erzählen:

Neulich setzte ich meine blinde Freundin Jutta und eine gemeinsame gehbehinderte Freundin vor einer Kneipe am Südstern ab. Um anschließend in aller Ruhe einen Parkplatz für das große Auto zu suchen. So wenigstens der Plan. Aber es kam etwas anders.

Kaum angefahren musste ich wieder anhalten, weil die erste Ampel auf der Gneisenaustraße auf Rot stand. Und genau in diesem Moment klopfte eine ältere Dame an die Beifahrerscheibe. Sie hatte zwei Einkaufsüten aus Plastik bei sich und sah sehr entschlossen aus. Ich ließ die Scheibe herunter und fragte die Frau, was sie von mir wollte. Sie sagte, sie wolle nach Hause, habe aber vor, das Geld für die U-Bahn zu sparen. Ich würde dieses Problem ja kennen. (Tue ich das wirklich?) Und sie fragte mich, ob sie nicht einsteigen dürfe, damit ich sie zur nächsten U-Bahnstation fahre, wo sie wohne.

Naja, ich bin ja doch ein Gutmensch. Außerdem war kein geeigneter Parkplatz für mein ach so großes Auto in Sicht. So sagte ich, sie könne zusteigen. Dies tat sie prompt. Und sie gab sofort Anweisungen, wie weit ich fahren sollte, und wo ich sie dann hinaus lassen könnte.

Ich fuhr los. Mittlerweile hatte die Dame wohl entdeckt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Etwas misstrauisch beäugte sie die Fahrbewegungen mit meinen kurzen Armen am Lenkrad und das Gasgeben und Abbremsen mit meinen kurzen Beinen. Aber die ältere Dame hatte ein Ziel vor den Augen und offenbar nicht den Glauben verloren, dass ich sie dahin bringen würde.

Nachdem die Frau mich fast zu ihrem Fahrtziel gelenkt hatte (nein, nicht hier halten, bitte fahren sie noch über die Kreuzung vor die Apotheke), fasste sie sich ein Herz und fragte nun offensichtlich sehr besorgt, ob ich Schwierigkeiten hätte, so einen Bus zu lenken. Ich sagte schlicht, es gehe alles schon sehr gut. Schließlich seien wir ja schon eine U-Bahnstation weit gekommen. Darauf hin befahl sie mir zu halten. Als ich dies getan hatte, bedankte sie sich für die Mitfahrgelegenheit, kletterte aus dem Wagen und wünschte mir einen schönen Abend.

Zurück blieb ich mit einer dezenten Alkoholfahne, die vom Beifahrersitz hinüber wehte, und mit der perplexen Erkenntnis, dass im frisch-frechen Berlin wohl auch kleinwüchsige Schwerbehinderte zum Taxifahren taugen.

Nur der Vollständigkeit halber: meine Parkplatzsuche konnte ich nun ungestört und letztlich erfolgreich fortsetzen.