Archive for Juni 2006

Die Sache mit dem Fahrstuhl

Juni 27, 2006

Mein Büro befindet sich im ersten Stock. Das heisst, ich als Rollstuhlfahrer bin darauf angewiesen, dass der Fahrstuhl des Hauses funktioniert, will ich an meinen Arbeitsplatz gelangen.

Drei Jahre lang ging auch alles gut. Aber eines Morgens traf ich den einzigen Kollegen, der ebenfalls den Rollstuhl nutzt, unten im Foyer. Er sah so aus, als warte er auf etwas. Und ehe ich Fragen stellen konnte, begrüßte er mich auch mit der Nachricht, dass der Fahrstuhl kaputt ist. Aber ein Monteur sei schon dabei, die Liftanlage zu reparieren.

Da er in den dritten Stock musste, blieb uns beiden nichts anderes übrig, als zu warten. Wir hätten auch in die nächste Bäckerei rollen können, um in Ruhe der Entwicklung der Dinge auszuharren bei einem frisch zubereiteten Espresso. Aber wir waren natürlich zwei pflichtbewusste Arbeitnehmer und so warteten wir brav vor dem Aufzug.

Und tatsächlich, wenige Minuten später tauchte der Fahrstuhlmonteur vor uns auf und versicherte, dass der Lift in wenigen Augenblicken wieder funktionieren würde. Er müsse nur eben noch kurz im Betriebsraum der Aufzuganlag etwas einstellen.

Kaum war in dem Aufzugshäuschen verschwunden, um seine Einstellungen vorzunehmen, vernahmen wir beide ein lautes Quietschen und gleich darauf ein deutliches Knallen. Wir schauten uns irritiert an, da kam der Monteur auch schon wieder aus dem Betriebsraum hervor und verkündete uns, dass nun alles wieder in Ordnung sei.

Nun schauten wir ihn irritiert an. Und wir berichteten ihm, was wir gerade gehört hatten. Ungläubig öffnete er die Aufzugstür und schaute in den Schacht nach oben. Ihm entfuhr ein eindeutiges Schimpfwort und er sagte zu uns, dass der Aufzug wohl gerade versucht hatte, den freien Fall zu üben. Aber der Fahrstuhl sei dabei in die Sicherheitsaufhängung gesaust, die sich immer dann einschalte, wenn ein Lift abstürze.

Die Fragezeichen in unseren Gesichtert hätten nicht größer sein können. Er aber sprach, dass er das gleich habe. Und verschwand wieder im Betriebsraum des Aufzuges. Nur Bruchteile später tauchte er wieder auf und versicherte uns, dass nun aber wieder alles in Ordnung sei. Und tatsächlich, die Tür des Aufzuges ging auf, und der Lift stand vor uns, als wäre nichts geschehen.

Weder der Kollege noch ich hatten an diesem Morgen eingeplant, Versuchskaninchen zu spielen. Und so überlegten wir lange, wer von uns beiden zuerst den hoffentlich wirklich reparierten Lift berollen sollte.

Schließlich gab ich nach. In meinem jugendlichen Leichtsinn dachte ich: no risk, no fun! Und es funktionierte tatsächlich. Der Fahrstuhl spuckte mich wie gewünscht in der ersten Etage wieder aus. Mit einem leicht mulmigen Gefühl rollte ich zu meinem Büro.

Im Nachhinein wünschte ich mir, dass solche Mutproben die Ausnahme bleiben an meinem Arbeitsplatz. Und bis jetzt ist dieser Wunsch auch in Erfüllung gegangen. Aber: you never know, you know! Die Sache mit dem Fahrstuhl bleibt eben immer so eine Sache.

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Wenn der Rollstuhl nur im Kreis rollt

Juni 14, 2006

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Elektro-Rollstühle sind etwas Wunderbares. Sie ermöglichen mir, der ich nicht laufen kann, die fast perfekte Imitation von laufenden Menschen. Ich muss den Joystick nur geschickt genug bewegen, und schon gleite ich dahin durch die Straßen Berlins und vielleicht hinein in den nächsten Konsumtempel. Und wie laufende Menschen auch muss ich Acht geben, sollten Hundehaufen auf dem Gehsteig fehlplatziert sein, Scherben im Weg liegen oder Baumwurzeln die Asphaltdecke anheben. Also, alles in allem fördert mein Elektro-Rollstuhl das Gefühl, dazu zu gehören.

Schwierig wird es allerdings, wenn das elektrisch betriebene Rennauto für den Bürgersteig seinen Dienst nicht so tut, wie es soll. Und so richtig peinlich wird es, wenn die Steuerung des Mobils derart versagt, dass ich nur noch im Kreis fahren kann.

Dies ist mir das erste Mal passiert vor zwei Jahren bei einem Kurzurlaub an der Elbe in der Nähe von Meißen. Meine Freundin und ich wollten abends noch ein Getränk zu uns nehmen in der nahe liegenden Wirtschaft. Bis zur Wirtschaft summte mein E-Stuhl anstandslos den Weg entlang. Aber just, als wir hinein wollten, schlugen die Lenkräder konsequent nach links ein. Was für ein Anblick: da will so ein Rollstuhlfritze also offensichtlich in die Kneipe, scheint aber bereits am Eingang so blau zu sein, dass er mit seinem Rollstuhl nur noch im Kreis fährt. Peinlich, peinlich!

Nur eine sehr forsche und regelwidrige Behandlung des Lenkgetriebes hat den E-Stuhl damals wieder auf den rechten Weg gebracht. Wenige Monate später aber verlegte sich die Steuerung auf einen neuen Fehler: ein Defekt der Steuerungsplatine. Wieder fuhr der E-Stuhl nur im Kreis, diesmal aber war ein elektronisches Bauteil durchgebrannt, so dass ein Klopfen und Drücken am Lenkgetriebe nichts half.

Jetzt schloss ich das erste Mal Bekanntschaft mit dem Pannendienst meiner Rollstuhlwerkstatt. Ich stellte fest, dass der Dienst in Berlin auch am Wochenende Gott sei Dank bis zu einem städtischen Campingplatz mitten in einem Waldgebiet, das gerade noch zu Berlin gehört, ausrückte, um den angeschlagenen Rollstuhl zu bergen.

Neulich in Marburg aber war Schluss mit Service. Beim Ansteuern der Kaffeetafel von Freunden am Sonntagnachmittag passierte es wieder. Die Lenkung schlug konsequent ein, ohne von mir per Joystick einen derartigen Befehl erhalten zu haben. Und sie blieb bei ihrem Einschlag. Wie sich später herausstellen sollte, war es wieder ein Defekt der Lenkplatine. Ich rief noch vom Kaffeetisch aus die bundesweite Rufnummer meines Pannenservice an. Aber in Hessen und somit weg vom zuständigen Sanitätshaus in Berlin ließ sich nichts machen. Ja, unter Umständen würde der Notdienst eines Sanitätshauses in Gießen sich meiner Probleme annehmen. Aber ob die dann auch Ersatzteile für ausgerechnet mein (weitverbreitetes) Modell eines Elektro-Rollstuhls hätten, wäre fraglich. Außerdem wäre das Sanitätshaus erst ab 17.00 Uhr zu erreichen. Zu dieser Zeit wollten wir längst die Heimfahrt nach Berlin angetreten haben.

Dank der Freunde an der Marburger Kaffeetafel gelang es uns, den kranken E-Stuhl in mein Auto zu verladen. Und so sausten wir mit einer imaginären Signalleuchte für eilige Transporte defekter Mobilitätshilfen nach Berlin. Hier habe ich dann gleich am Montag den Rollstuhl meiner örtlichen Werkstatt vorgestellt, die glücklicherweise sofort helfen konnte mit einer neuen Platine.

Soweit so gut. Aber wäre es nicht schön, für Pannen am Elektro-Rollstuhl überall im Land Hilfe zu bekommen? Das wäre doch mal eine Förderalismus-Reform! Aber noch besser wäre es natürlich, wenn mein E-Stuhl nicht so oft den Linkseinschlag proben würde, wie er es in den letzten zwei Jahren getan hat. Und das meine ich selbstverständlich so, wie ich es schreibe, und nicht als politische Polemik!

Meine Rekonvertierung zu Windows?

Juni 1, 2006

Als Fan alternativer Betriebssystem ist es für mich nicht einfach, sich damit abzufinden, dass auf fast allen Computern Windows läuft. Aber selbst ich als eingefleischter Nicht-Windows-Nutzer musste mir vor einigen Wochen endgültig eingestehen, dass das Fenster-System aus Redmond und die dafür verfügbare Software unschlagbare Vorteile hat. Denn blinde Menschen sind heutzutage nur unter Windows in der Lage, einen PC einigermaßen praktikabel zu nutzen.

So auch meine blinde Freundin. Sie arbeitet beruflich immer häufiger mit Email und Internet und hat sich zunehmend darüber geärgert, dass sie nur bei sich aber nicht bei mir zu Hause die Möglichkeiten hat, selbständig ins Netz zu gehen. Mein noch relativ neues „iBook“ bleibt ihr dank seines akzentreichen Screenreaders und der ungewohnten Bedienung ein „Book“ mit sieben Siegeln. Und für Experimente mit meinem alten Linux-Computer hatten wir beide keine große Lust – obwohl es ja Möglichkeiten für blinde User gibt, unter Linux zu arbeiten.

Also entschlossen wir uns, dass mein Mac Gesellschaft bekommen sollte von einem neuen Windows-PC. Nachdem wir den PC vorige Woche gekauft hatten, habe ich mich gestern daran gemacht, den erstandenen PC mit dem Fenster-System einzurichten.

Und ich muss sagen: es ging ganz gut! Zum einen bin ich offensichtlich nicht wirklich aus der Übung, was das Handling von Windows bertrifft. (Ja, ich gebe zu, bis 1999 ausschließlich unter Windows gearbeitet zu haben.) Zum anderen ist Windows-XP ja um Längen intuitiver als ältere Windows-Systeme.

Um den Computer für meine Freundin erreichbar zu machen, musste nun aber noch ein Screenreader her. Meine Freundin nutzt „Jaws„. Ich kenne „Jaws“ natürlich schon vom PC bei ihr zu Hause. Aber nun, da ich ihn selbst eingerichtet habe und die Gelegenheit beim Schopfe packen konnte, um ein wenig damit rumzuspielen, bin ich richtig beeindruckt. Es gibt für den Screenreader kaum eine Situation, in der er verstummt. Und die Stimme ist klar verständlich. Kein Vergleich mit dem schwachen Stimmchen, das mein Mac zu bieten hat und das in den meisten Anwendungen leider schweigt.

Ob dies nun der Beginn einer Rekonvertierung zu Windows ist? Mal sehen. Ich hatte mich von Windows abgewandt, weil ich Lust hatte auf alternative Bedienkonzepte und damals sehr überzeugt war von OpenSource. Die Lust auf Alternativen ist nach wie vor da. Auch der Glaube an OpenSource. Aber die ideologische Barriere in meinem Kopf ist kleiner geworden. Und wenn es nun für blinde Menschen am einfachsten ist, mit Windows zu arbeiten, dann öffne ich mein Herz eben auch wieder für das kommerzielle Fensterln.