Archive for Juli 2006

Das Fähnchen-Problem

Juli 6, 2006

Ich habe ein Problem. Ein Fähnchen-Problem. Aha, denkt die geneigte Leserin und der geneigte Leser jetzt: Schwarz trinkt! Nun, da kann ich nur sagen: kein Alkohol ist auch keine Lösung. Aber mein Fähnchen-Problem ist ein anderes: es geht um die allseits präsenten Deutschland-Fähnchen zur Fußball-WM. Beziehungsweise darum, dass es die Fähnchen jetzt kaum noch gibt. Erst fand ich es unerträglich, dass an fast jedem Fenster, Balkon und Auto die schwarz-rot-goldenen Flaggen grüßten. Und jetzt, nach der Niederlage der deutschen Mannschaft im Halbfinale vermisse ich die Fahnen.

Ich glaube, das muss ich ein wenig erläutern. Soweit ich das kann. Denn wie ich schrieb: ich habe ein Fähnchen-Problem. Und Teil des Problems ist es, dass ich es nicht richtig verstehe.

Also, es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich jede Art von Stolz auf das eigene Land und den Ausdruck solchen Stolzes mit Winkelementen verachtet. Und es mag ein Reflex dieser Zeit sein, dass ich schon sehr geschluckt habe, als nun zur WM sogar Punker mit Irokesen in unseren Nationalfarben durch Kreuzberg liefen, vielleicht noch unbeschwert eine Fahne mit Bundesadler schwenkend. Einen ähnlichen Schluckreflex habe ich gespürt, als meine türkisch-stämmigen Nachbarn plötzlich Deutschland-Fahnen an ihre Autos montierten. Und nach intensiver Selbstbefragung musste ich feststellen, dass ich dazu nie im Leben in der Lage wäre. Nicht mal eine kleine billige Fahne an meinem Rollstuhl wäre für mich in Frage gekommen.

Soweit zum ersten Teil meines Fähnchen-Problems. Der zweite Teil des Problems kam, als wir im Halbfinale verloren haben. Am nächsten Morgen flatterten nur noch an ganz vereinzelten Autos deutsche Fähnchen. Dies, sagte mir mein Gefühl, ist nun auch nicht richtig. Man kann die Zuneigung zur deutschen Mannschaft doch nicht einfach einstellen, weil sie im Halbfinale verloren haben. Das war doch nicht irgendein harmloses Vorrundenspiel. Das war Italien: eine Mannschaft, gegen die man noch wenige Monate vorher gnaden- und würdelos verloren hatte. Und davon konnte im Halbfinale doch wirklich keine Rede sein. Da haben Klinsmänner gekämpft, die wir vorher noch nicht gesehen hatten. Die hatten sich von Spiel zu Spiel so gesteigert, zu denen muss man doch weiter stehen! Da kann man doch nicht gleich alle Flaggen streichen.

Und dies denke ich, der nie selbst eine Deutschlandfahne schwenken würde. Ich hoffe, die geneigte Leserin, der geneigte Leser versteht mein Fähnchen-Problem nun ein bisschen besser.

Aber bevor ich jetzt mit meiner gedanklichen und gefühlten Ambivalenz in einen fatalen Grübelzwang verfalle, hole ich lieber den Werbeartikel eines Bekleidungsgeschäfts hervor. Es ist ein aufblasbarer Schlauch, auf dem in fröhlichen Buchstaben das Wort „Deutschland“ steht. Ich werde diesen Werbeartikel mit Luft füllen und ihn schon einmal ganz heimlich schwenken in Gedanken an das kleine Finale am Samstag.

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