Archive for September 2006

Hechtsprung in die S-Bahn

September 28, 2006

Der Hauptstädter ist ja ein hektischer Mensch. Von Natur aus, sozusagen. Quasi mit der Muttermilch haben wir den eisernen Willen aufgesogen, immer schnellst möglich von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Wer oder was auch immer uns in die Quere kommen möge. Und entsprechend rasant gehen Autofahrer und Radfahrer auf den Straßen Berlins zu Werke. Aber auch Fußgänger, die Helden der Bürgersteige, lassen kaum einen Zweifel aufkommen daran, dass sie diesen Willen des möglichst effektiven Vorankommens tief im Herzen tragen. Und Fußgänger können zur Verwirklichung dieser Herzensangelegenheit auf eine Technik zurückgreifen, die Autofahrer und Pedaleure in der Regel und zum eigenen Vorteil nicht in ihr Repertoire aufgenommen haben: ich meine das allseits beliebte Rempeln auf den Gehsteigen.

Aber ich schweife ab. Was ich dem geneigten Leser auf die Ohren unter den Kopfhörern brummen bzw. unter die Finger der Braillezeile legen oder eben schnöde am Bildschirm kundtun wollte: auch ich gebe mich hin und wieder meiner Natur als Hauptstädter hin und verhalte mich hektisch. Mit Folgen! So auch am vergangenen Samstag:

Ich hatte eine Tagung besucht in einem Hotel nahe am Ostbahnhof. Und ich wollte schnell weiter zu einer knapp kalkulierten Verabredung mit meiner Freundin am Bahnhof Zoo. Zwischen beiden Bahnhöfen verkehrt die S-Bahn. Also sauste ich sofort nach dem Ende der Tagung mit Vollgas in meinem E-Rollstuhl aus dem Foyer des Hotels, durch die Vorhalle des Ostbahnhofs hindurch und hinein in den Aufzug zum Bahnsteig. Kaum konnte ich erwarten, dass der provokant gemächliche Lift sich in Bewegung setzte und mich oben auf dem Bahnsteig wieder ausspuckte. Als sich nach schier unendlichen Zeiten die Türen des Aufzuges wieder öffneten, sah ich, dass gerade eine S-Bahn am richtigen Gleis stand. Und es war ein Zug neuester Bauart, in den man als Rollifahrer ohne Stufen hineingelangen kann. Also startete ich mit dem E-Stuhl durch und rauschte auf die Bahn zu. Und dann war es auf einmal wie im Film. Ich hörte die verwaschene Stimme aus schlecht justierten Bahnhofslautsprechern, die da brüllte „Zurück bleiben!“. Ich dachte, zurück bleiben könne ich ein andermal, und ich sah mich auf die nächst beste Tür zusteuern. Ich war mit dem vorderen Teil des Rollstuhls bereits in der Bahn, als das Signal, welches das Türenschließen ankündigt, erklang. Die hinteren Räder des Rollstuhls waren gerade ebenfalls im S-Bahnzug angekommen, da schnappten die Türen hinter mir zu und der Zug fuhr los.

Mein Herz schlug. Die anderen Fahrgäste sahen mich erstaunt an. Ich zuckte schuldbewusst die Schultern. Und dann sprach mich ein Fahrgast an: „Na Herr Schwarz, ich wusste gar nicht, dass man mit einem solch schweren Rollstuhl einen so tollkühnen Hechtsprung machen kann.“ Ich murmelte etwas von Eile und Terminhetze, merkte aber, dass das albern hochgestochen klingen mochte, und wurde rot. Der Fahrgast stieg dann an der nächsten Station aus. Jedoch erst als ich am Bahnhof Zoo dann selbst aus der Bahn ausgestiegen war, wunderte ich mich darüber, dass der Herr mich bei meinem Namen genannt hatte. Zerstreut griff ich mir an das Jacket. Tatsächlich, in aller Eile hatte ich auch noch vergessen, nach der Tagung das Namensschild zu entfernen und war also unter öffentlicher Bekanntgabe meines vollen Vor- und Zunamens S-Bahn gefahren. Herjeh …

Advertisements

Von wegen Vereinsamung am PC

September 19, 2006

Am Samstag waren meine Freundin und ich mal wieder auf einer netten Party. Auf einer Party, die der „Ohrfunk“ veranstaltet hat. Nun ja, auf Parties sind wir schon öfters gewesen. Aber nicht oft auf einer, die durch und erst mit dem Internet möglich wurde. Es war nämliche eine virtuelle Party Wir unterhielten uns im „Irrenhaus“, einem der wenigen nicht kommerziellen Anbieter von Telefon-Chat-Konferenzen, mit anderen Partygängern über das laufende Musik-Programm des Internet-Radiosenders „Ohrfunk.de“, über unsere Ergänzungswünsche und das Leben ganz allgemein. Der Rechner ist doch schon ein gutes Stück Dreh- und Angelpunkt unserer Kommunikation geworden!

Heute denke ich zurück an die Zeit vor nunmehr 20 Jahren, als ich meine ersten Gehversuche (als Rollstuhlfahrer!) in Sachen Computer unternommen hatte. Damals sah die Sache ganz anders aus: Das Internet war noch nicht erfunden. Die Einrichtung von Internet-Radiostationen wie dem „Ohrfunk.de“ hätte ich mir wahrscheinlich gar nicht vorstellen können, ebenso wenig Telefonkonferenzen wie die im „Irrenhaus“. Und das Heimcomputern war eine einsame Angelegenheit!

Mein erster Computer war ein „ZX Spektrum“, und um diese neue Wunderkiste zu verstehen, saß ich stundenlang davor – allein. Meine Mutter fürchtete gar, dass mich eines Tages das gleiche Schicksal ereilen würde, das die aufgeklärte Allgemeinheit Mitte der 80er Jahre für sämtliche Heimcomputer-Nutzer vorhersagte: dass sie nämlich über kurz oder lang vereinsamen würden vor ihren Rechnern. Dass Computer eines Tages auch helfen würden, Kontakte aufrecht zu erhalten oder neu zu knüpfen – daran war zu dieser Zeit gar nicht zu denken.

Nun, es ist bekanntermaßen anders gekommen als gedacht! Und wie wir Berliner sagen würden: „Das ist auch gut so!“ Es muss ja nicht gleich eine virtuelle Party sein – die meisten von uns kommunizieren heute auch im ganz gewöhnlichen Alltag bereits ein gutes Stück weit über den Computer. Vor allem, wenn wir Emails schreiben, aber auch, wenn wir z.B. online bestellen. Und der Rechner als Kommunikationszentrum wird in den nächsten Jahren noch zunehmen, so die landläufige Meinung. Also von wegen: Vereinsamung am PC.

Rückwärtiger Gegenverkehr am Morgen

September 2, 2006

Ich gebe es ja zu: auch wenn das Wetter schön ist und nichts dagegen spricht, mit dem Elektro-Rollstuhl Frischluft tankend in gemütlichen dreißig Minuten zur Arbeit zu rollen, fahre ich doch oft genug die kurze Strecke mit meinem Ford Transit. Zu reizvoll ist es für mich einfach immer wieder, wenn ich mich vor dem Büro mit dem E-Stuhl aus dem Auto lifte und unbeteiligte Passanten völlig unvorbereitet staunen, dass „so ein kleiner Mann im Rollstuhl so einen großen Bus fahren kann.“ Da es in unmittelbarer Nähe zu meiner Arbeitsstelle ein Hotel gibt, in dem viele Berlin-Touristen absteigen, sind immer recht viele unvorbereitete Passanten unterwegs, wenn ich morgens komme, sodass ich garantiert unschuldige Opfer finde, deren Denken ich durcheinander bringen kann.

Aber neulich wären mir meine Eitelkeit des Andersseins und der kleine Spaß am Morgen doch beinahe zum Verhängnis geworden. Es war ein schöner Morgen. Nicht zu heiß wie zu oft im Juli, nicht zu kühl wie fast durchgehend im August. Also, eigentlich ein prima E-Rollstuhl-Wetter. Doch nein, ich wollte auf  meinen Auftritt vorm Büro einfach nicht verzichten und fuhr mit dem Auto.

Ich parkte ein. Möglichst unbeteiligt guckend und mit Unschuldsmiene klappte ich den Lift aus und hievte den E-Stuhl auf die Plattform des Lifts. Gerade als ich mich auf Straßenniveau hinab senken wollte, kam ein erster herrlich unbeteiligt und unvorbereitet aussehender Passant vorbei. Er blickte sich ausfürhlich um, so als suche er eine Hausnummer. Ich nahm ihn nur aus dem Augenwinkel wahr (denn ich hatte es mir ja zur Aufgabe gemacht, möglichst unbeteiligt drein zu schauen!). Ich dachte noch: ‚Ha! Jetzt sei doch endlich ein wenig verdutzt. Schließlich steigt hier ein schwer mehrfach behinderte Kleiner im Rollstuhl aus seinem großen, großen Bus aus. Das kannst Du einfach nicht erwartet haben!‘ Da passierte es…

Ein Auto in der Einfahrt vor meinem Parkplatz setzte sich rückwärts in Bewegung. Ich fragte mich, warum es so zielstrebig in Richtung meines ja so großen, großen Busses einschwenkte, als der herrlich unbeteiligt wirkende Passant seine Unbeteiligung schlagartig aufgab, und auf einmal ehr engagiert wurde. Ja, es schien mir, als habe er spontan ein Herz für kleinwüchsige Formel-1-Piloten zu großer Kraftfahrzeuge entwickelt und sich dem Fahrer des rückwärts setzenden Autos entgegen werfen wollen, bevor dieser in meinem Wagen krachen würde.

Erst, als ich mit dem E-Stuhl schon auf dem Asphalt des Bürgersteigs angekommen war, wurde mir klar, dass der Passant, dessen urplötzlichen Aktivitätsschub ich eben beobachten konnte, der Fahrer eben desjenigen Autos war, das sich meinem Ford unaufhaltsam rückwärts fahrend näherte. Er hatte ganz offensichtlich vergessen, die Handbremse zu ziehen, als er das Auto in der leicht abschüssigen Abfahrt abgestellt hatte. Nun stämmte er sich mit aller Kraft zwischen meinen und seinen Wagen und schaffte es tatsächlich, sein Gefährt kurz vor einem Zusammenstoß mit Muskelkraft zu stoppen.

So war ich, der anderen gern einen Moment des Unerwarteten gönne, auf einmal fast selbst Opfer einer Situation geworden, die ich nicht erwartet hatte. Das hat mich nachdenklich gemacht. Auf jeden Fall hatte ich für die nächsten paar Tage, die ein ähnlich nettes, nicht zu heißes, nicht zu kaltes Wetter versprachen, den Transit zu Hause stehen lassen und bin per E-Stuhl zur Arbeit gefahren. Man kann auf diesem Weg wirklich prima frische Luft tanken, selbst in einer Großstadt! Und erst die vielen Möwen auf der Spree an der Oberbaumbrücke…