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Kindliche Prägungen

November 16, 2006

Es gibt schon eigentümliche Prägungen aus der Kindheit, die man einfach nicht mehr los wird. Und die mich gerade wegen ihrer Eigentümlichkeit immer wieder zum Nachdenken bringen.

Wenn ich morgens nach Friedrichshain zur Arbeit fahre, sehe ich oft einen Schlag grauer Herren, bei denen ich mir einbilde, dass sie bis 1989 für die Staatssicherheit der DDR gearbeitet haben. Das heisst, bei einem bestimmten Erscheinungsbild älterer Männer vermute ich dies fast instinktiv und reflexartig schießt mir eine Ermahnung unbestimmter Herkunft durch den Kopf, jetzt bloß vorsichtig zu sein. Kurze geschorrne graue Haare, Hemd, Schlips und diese gewisse Lederjacke, oder Scheitel, Anorak und der Stoffbeutel mit Blümchenmuster, in dem vor 18 Jahren wahrscheinlich ein Funkgerät versteckt war. Na, und natürlich dieser auffällig unauffällige Gang.

Freilich weiß ich auch, dass ich mit meiner Wahrnehmung ganz sicher einigen dieser Menschen Unrecht tue und sie in einen Topf stecke, in den sie gar nicht gehören. Aber darum geht es mir jetzt nicht. Was mir nur aufgefallen ist, ist dies: meine Eltern hatten ja nie gesagt: „Pass auf, der da ist bestimmt von der Stasi!“ und mit dem Finger auf diesen oder jenen Mann gezeigt. Dies wäre nebenbei bemerkt unter den gegebenen Umständen – gelinde ausgedrückt – sehr töricht gewesen. Aber auch ohne detaillierte Unterweisungen, die das Aussehen von vermutlichen Mitarbeitern für das Ministerium für Staatssicherheit betroffen hätten, drängt sich mir heutzutage bei manchen Herren diese hartnäckige Vermutung und die anschließende spontane Vorsicht auf.

Und gestern wurde mir mal wieder bewusst, wie tief diese Prägung sitzt. Ich fuhr mit meiner Assistentin zum Überprüfen des Reifendrucks der Winterreifen an meinem Auto zu einer Tankstelle. Kurz vor der Einfahrt zur Tankstelle fielen uns diese beiden jungen Typen auf, die in einer Seitenstraße lässig gegen ihr Auto gelehnt standen. Wir amüsierten uns ein wenig, weil diese Seitenstraße erst vor zwei Wochen für den Verkehr frei gegeben worden ist und momentan nirgendwo hin führt und auch noch keine Bebauung an ihren Seiten aufzuweisen hat. Die Jungs standen also ungefähr an der langweiligsten Ecke Berlins, und wir fragten uns, was sie da wohl wollten.

Als meine Assistentin nun Reifen für Reifen den Luftdruck überprüft hat, sah ich auf einmal, wie der eine junge Typ ein Funkgerät unter seinen verschränkten Armen hervor holte. Und erst jetzt bemerkte ich, dass die beiden die ganze Zeit den Verkehr auf der Hauptstraße beobachteten. Das Funkgerät kam mir bekannt vor, ich sehe es sonst immer bei Polizisten in Uniform. Es handelte sich bei den „jungen Typen“ also offensichtlich um Beamte in Zivil. Später, als wir von der Tankstelle wegfuhren sahen wir auch, dass an der nächsten Ecke hin und wieder Autos von uniformierten Streifenpolizisten an den Rand gewinkt wurden. Ich vermute deshalb, dass die Polizisten in Zivil im Rahmen einer Verkehrskontrolle im Einsatz waren.

Und jetzt fragte ich mich: wieso starre ich einerseits minutenlang zwei bundesrepublikanische Polizisten in Zivil an, ohne zu bemerken, dass es Beamte in Zivil sind. Und wieso vermute ich andererseits sofort hinter bestimmten älteren Männern aus Friedrichshain ehemalige Stasi-Agenten, obwohl ich eigentlich nichts, aber auch gar nichts, in der Hand hätte, was meinen spontanen Verdacht erhärten würde?

Manche kindliche Prägungen sind wirklich eigentümlich klebrig. Und diese Klebrigkeit hat offensichtlich mit einer tiefen Angst zu tun. Einer Angst vor Repressionen und Entmenschlichung, die ich in der DDR oft gespürt habe, obwohl ich noch ein Kind war. Und es war eine Angst, die ich von Beginn meines Lebens unter bundesrepublikanischen Gesetzen an nie mehr hatte.

Im Gegenteil, wenn ich darum weiß, dass auch in der Bundesrepublik Deutschland Ordnungshüter in Zivil unterwegs sind, dann ist für mich damit jenseits aller datenschutzrechtlichen Bedenken immer eine Art von gelassenem Ur-Vertrauen verbunden. Das Vertrauen darauf, dass Polizeibeamte in Zivil letztlich einen wichtigen Teil dazu beitragen, meine Freiheit als Bürger dieses Landes und meine Rechte als Mensch zu schützen. Für die Zukunft hoffe ich nur, dass es nie einen Anlass geben wird, der mein diesbezügliches Ur-Vertrauen erschüttern könnte.

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