Archive for Dezember 2006

Berliner Charme

Dezember 22, 2006

Vor einigen Wochen wurde der Supermarkt auf der anderen Straßenseite vor meiner Wohnung umgebaut und erweitert. Die Wiedereröffnung sollte einige Überraschungen bereit halten, so die Ankündigung im Werbeprospekt, das ich eines Tages aus meinem Briefkasten fischte.

Neugierig machte ich mich also auf den Weg, den neu gestalteten Supermarkt in Augenschein zu nehmen. Und ich geriet tatsächlich ins Staunen bei meinem Besuch. Der Verkaufsraum wirkte geräumiger, die Regale vielfältiger und besser sortiert. Und das allerbeste für mich: zwischen den Regalen war deutlich mehr Platz. Begeistert drehte ich eine Pirouette mit meinem Rollstuhl.

Ich griff zwei, drei Produkte, die ich eigentlich gar nicht brauchte, nur um nicht mit völlig leeren Händen an die Kasse zu rollen. Und da sah ich, dass jeder Kunde, nachdem er bei der Kassiererin bezahlt hatte, am Ende des Bandes von einem jungen Menschen in T-Shirt mit dem Logo der Supermarkt-Kette empfangen wurde, der die Einkäufe bereits routiniert in Tüten gepackt hatte und sie dem überraschten Kunden mit einem Lächeln in die Hand drückte.

Dann war ich an der Kasse. Ich bezahlte, und auch meine drei Artikel verschwanden behände in einer Tüte. Der Mensch am Ende des Bandes reichte mir die Tüte, lächelte, sagte dazu aber in energischem und mahnendem Tonfall: „Heute is die Tüte umsonst. Aber nich, dass sie sich an den Service hier jewöhnen. Det Einpacken machen wa hier nur heute zur Wiedereröffnung!“ Ach, ich liebe ihn, diesen diskreten Berliner Charme.

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Abendlicher Spaziergang durch Berlin

Dezember 9, 2006

Ein laues Lüftchen küsst das abendliche Berlin. Der Mond schaut verschmitzt hinter einer Wolke hervor. Hier und dort schlendern Paare die Straßen entlang, halten Händchen oder küssen sich.

Auf der Gneisenaustraße ist eine Polizeikontrolle aufgebaut. Offensichtlich werden hier Autos und Autofahrer auf ihre Verkehrssicherheit überprüft. Im Vorbeifahren auf dem Bürgersteig mit dem Elektro-Rollstuhl erhasche ich das entspannte Lachen von Fahrern, die gerade ihr Auto vorführen, und das ein oder andere nette Wort einer Polizistin.

Aber auch das hält die milde Abendluft bereit: Frau und Mann an einer Bushaltestelle. Er redet energisch auf sie ein. Sie hört erst wortlos zu, dreht sich dann aber plötzlich um und geht mit energischen Schritten davon. Er bleibt wie angewurzelt stehen und wiegt den Kopf langsam hin und her. Als ich näher komme, bemerke ich, wie er mit einer Hand Tränen aus dem Gesicht wischt.

Ich fahre vorbei. Die Szene rührt mich an, sie passt aber so gar nicht zur frühlingshaften Stimmung. Eher schon die gestylten Menschen, die aus dem U-Bahnhof hervorströmen, manche von ihnen mit einer Bierflasche in der Hand, die meisten wohl auf dem Weg zu irgendeiner Party.

Und dann sehe ich am Südstern die Verkaufsstelle für Tannenbäume. Die Verkaufsstelle ist müde, hat sich zugedeckt und ist zur Ruhe gegangen. Morgen ist auch noch ein Tag. Aber wer will am Frühlingsanfang schon Christbäume kaufen? Und was macht es da, dass dieser Frühling das Weihnachtsgeschenk des scheidenden Jahres 2006 ist?

Über den Klimawandel zu reden ist das Eine. Ihn zu erfahren, etwas ganz anderes. Das beunruhigt mich, auch wenn wir hier in Berlin mit dem frühlingshaften Wetter momentan ja die – im wahrsten Sinne des Wortes – mildesten Umstände des Klimawandels zu erleben scheinen.