Archive for Januar 2007

Die Yuka-Palme

Januar 27, 2007

Ach, heute erzähle ich euch einmal die Geschichte von meinem Besuch in einem Blumenladen:

Ich wollte eine Grünpflanze für meine neue Wohnung kaufen. Mit Assistentin zog ich also los zum nächsten Blumenladen. Für die, die diesen unregelmäßigen Blog nicht regelmäßig lesen: ich bin sehr klein und nutze den Rollstuhl, um mich fortzubewegen, da ich nicht laufen kann und Berliner Straßen nicht entlang kriechen mag.

So, zurück zu meiner Geschichte: Nun erscheint also meine nicht ganz alltägliche Erscheinung in einem typischen Neuköllner Blumenladen. Die Verkäuferin schaut erwartungsfreudig – meine Assistentin an. Ich sage tapfer von unten aus meine Rollstuhl heraus: „Ich möchte gern eine Grünpflanze kaufen, so eine, wie sie vor ihnen steht!“. Die Verkäuferin antwortete: „Ah, er möchte also eine Yuka-Palme kaufen!“, und wirft meiner Helferin einen viel sagenden Blick zu. Diese sagt tapfer, dass sie Herrn Schwarz lieber selbst ansprechen möge.

Die Verkäuferin darauf: „Möchte er auch einen Übertopf zu der Palme?“, wiederum mit Augenkontakt zu meiner Assistentin. Nun ist es an mir, tapfer zu sein, und ich sage: „Ja, er möchte auch einen Übertopf, und zwar in weißem Porzellan, so wie da hinten im Regal!“

Davon lässt sich die Verkäuferin allerdings nicht beirren. Sie schaut wieder über mich hinweg meine Helferin an und wiederholt dann: „Ah, er möchte einen weißen Übertopf dazu!“ Ich kontere standhaft: „Ja, so ist es! Er will einen weißen Übertopf.“.

Die Verkäuferin verkündet – wiederum an meine Helferin gerichtet – wieviel das Ensemble aus Yuka-Palme und Topf kosten soll. Ich zücke mein Geld und komme mir langsam vor, wie der brave Zinnsoldat aus einem Märchen von Hans-Christian Andersen. Meine Assistentin reicht das Geld über den Tresen, die Verkäuferin gibt das entsprechende Kleingeld zurück und wickelt anschließend Übertopf und Palme in Packpapier ein.

Vor dem Laden gibt es eine Stufe. Dies fällt nun auch der Verkäuferin auf. Sie sagt, dass sie uns die Sachen noch raus bringen würde, offensichtlich, um es meiner Assistentin leichter zu machen, mich, also den Rollstuhl, aus dem Laden zu bugsieren.

Dann stehen wir vor dem Laden. Die Verkäuferin überreicht meiner Helferin die Yuka-Palme und den Übertopf und sagt abschließend: „Ja, war er auch mal in ’nem Blumenladen!“ Ich weiß nicht mehr, was ich antworten soll. Meine Assistentin auch nicht. Und so ziehen wir kommentarlos von dannen.

Nun, was ich hier erzählt habe, liegt schon zehn Jahre zurück. Und heute ist mein Erscheinen – und das Erscheinen von behinderten Menschen allgemein – in der Öffentlichkeit um viele Grade selbstverständlicher geworden als damals. Aber hin und wieder, und immer noch öfter, als mir lieb ist, treffe ich auf Menschen wie die geschilderte Verkäuferin aus dem Blumenladen.

Advertisements

Ein Abschied

Januar 25, 2007

Keine Rast (Hermann Hesse)

Seele, banger Vogel du,
immer wieder mußt du fragen:
Wann nach so viel wilden Tagen
kommt der Friede, kommt die Ruh?

Ob, ich weiß: kaum haben wir
unterm Boden stille Tage,
wird vor neuer Sehnsucht dir
jeder liebe Tag zur Plage.

Und du wirst, geborgen kaum,
dich um neue Leiden mühen
und voll Ungeduld den Raum
als der jüngste Stern durchglühen.

Am 20. Januar 2007 zwischen 8.50 Uhr und 9.00 Uhr starb mein lieber Onkel in einem gastfreundlichen Hospiz in Berlin-Moabit. Er war es, der mich vor langer, langer Zeit mit der Computertechnik bekannt gemacht hatte.

Seine Ungeduld und sein Lebenswille haben der ungünstigen Prognose der Ärzte Jahre lang getrotzt. Aber zu guter Letzt musste der zähe Segler dann doch seine Segel endgültig einholen.

Sein Tod schmerzt und ich vermisse ihn.