Archive for Oktober 2007

Der alte Mann an der Bushaltestelle

Oktober 22, 2007

Heute stehe ich an der Bushaltestelle. Ja, es gibt Tage, da bin ich auf den öffentlichen Großbus angewiesen, weil sich der private Kleinbus in der Werkstatt befindet.

Ich schaue also auf den Fahrplan und stelle fest, dass ich den Bus um eine „Formel 1“-verdächtige Minute verpasst habe. Es ist kalt, der erste Wintertag in Berlin, und das ende Oktober! Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke ein Stückchen höher und stelle mich auf zwanzig Minuten Gefrierzeit ein.

Da passiert es. Ich habe ihn gar nicht kommen hören. Aber auf einmal schiebt sich von hinten ein Gesicht vor meine Augen. Ein freundliches Gesicht, mit Lachfalten um die Augen und mit höflichem Abstand. Trotzdem kann ich sofort den pfefferminzigen Atem riechen.

Dann erscheint ein älterer gebückter Mann in meinem Blickfeld, dem dieses wache Gesicht offensichtlich gehört. Der Mann sagt, dass er erkältet sei. Dann fragt er, wie ich in den Bus kommen werde. An Menschen, wie mich, denke man ja viel zu wenig. Ich versuche, ihn und mich mit der Aussage zu beruhigen, dass der Busfahrer eine kleine Klapprampe am mittleren Einstieg umlegen könne, und ich dann einfach mit meinem Rollstuhl in den Bus hinein führe.

Ja, ja, pflichtet er mir bei, und seine Augen blitzen, dies sei ja genauso wie in der U-Bahn, wo der Fahrer auch eine kleine Rampe anlegen würde, wenn sich ein Rollstuhlfahrer bei ihm bemerkbar machte. Ich bewundere ihn für seine Gabe, so genau hinzugucken. Dann sagt er, dass er früher U-Bahnfahrer gewesen sei. Und dass er bis vor wenigen Jahren dafür gekämpft habe, dass wirklich alle mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren könnten.

Bevor ich bemerken kann, dass ich seinen Einsatz für behinderte Menschen sehr schätze, klagt der alte Mann, seinen Stock nicht dabei zu haben. Das Gehen ohne Stock fiele ihm nämlich sehr schwer, eigentlich bräuchte er jetzt den Stock. Ich will auch etwas dazu sagen, doch schon fragt er, wie alt ich sei. Ich antworte, ich wäre gerade 34 Jahre alt geworden. Er fängt fast an zu weinen und sagt mehr für sich als für mich, dass dies noch so viele Lebensjahre wären. Dann hält er plötzlich inne und fragt, ob ich erraten würde, wie alt er denn sei. Ich sage, dies sei schwer zu schätzen. Er klopft sich den Daumen der linken Hand auf die Brust und antwortet, er sei inzwischen 80 Jahre alt, aber das sehe ich ihm doch wirklich nicht an, oder?

Ich verneine, weil ich ihn wirklich nicht auf 80 Jahre geschätzt hätte. Er antwortet, dass seine Lebensgefährtin 75 Jahre alt sei und er ihr etwas aus der Apotheke besorgen sollte. Wenn er doch nur seinen Stock dabei hätte…

Dann fragt er mich, ob ich denn arbeiten würde. Ich bejahe, er klopft mir mehrfach auf die Schulter und wünscht mir viel Glück für mein berufliches Leben. Bevor er geht, murmelt er noch, dass es sich immer lohne, etwas aufzubauen. So wäre er stolz darauf, seinen Teil zum Wiederaufbau der Trümmerstadt Berlin beigetragen zu haben.

In diesem Moment ertappte ich mich bei der Frage, was er wohl davon gehalten hätte zu erfahren, dass ich als Psychologe nicht unmittelbar etwas aufbaue.  Aber ich halte meinen Mund und dann ist er ja auch schon weg.

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