Archive for the ‘Auto’ Category

Falschparker und Zuständigkeiten in Berlin

Oktober 16, 2010

Gestern morgen war – mal wieder – mein personenbezogener Behindertenparkplatz vor der Arbeit mit einem anderen Fahrzeug besetzt. Ich parkte deshalb notgedrungen im eingeschränkten Halteverbot und rief die Polizei an. Der Beamte am Telefon versichterte mir, dass entweder die Polizei  oder das Ordnungsamt käme, um das Problem in Augenschein zu nehmen.

Nach etwa dreißig Minuten erschien eine Polizeistreife. Ein Beamter trat zu meinem Auto und vermeldete, er habe zwei Probleme. Ein Problem wäre, dass ich bereits auf einem ausreichenden Ausweichparkplatz stünde. Ich wies ihn darauf hin, dass es sich um einen Platz innerhalb eines eingeschränkten Halteverbots handelt. Er erwiderte, dass ich dort unbeschadet stehen könne, weil ich ja einen Behindertenausweis habe. Ich entgegnete, dass ein solch eingeschränktes Halteverbot für mich als Verkehrsteilnehmer mit Handicap nur zwei, drei Stunden keine Geltung habe, nicht aber für einen ganzen Arbeitstag. (Tatsächlich gilt die Ausnahme mit einem speziellen Parkausweis für drei Stunden, aber so sattelfest war ich nicht in diesem Moment.)

Als nächstes verwies der Beamte darauf, dass für Probleme im Zusammenhang mit Parken die bezirkliche Straßenverkehrsbehörde, also das Ordnungsamt, zuständig sei. Diese Bemerkung kenne ich inzwischen schon von mindestens fünf anderen ähnlichen Anlässen. Und wie immer in dieser Situation fragte ich meinen Gesprächspartner, warum mir die Einsatzzentrale dann ihn geschickt habe, wenn er als Vertreter der Polizei gar nicht zuständig sei. Er erwiderte, er sei es leid, immer für das Ordnungsamt einspringen zu müssen, bloß weil die ihre Aufgaben nicht richtig ernst nehmen würden. (Auch diese Bemerkung kannte ich in ähnlicher Form schon von anderen Polizisten.) Aber als Polizeibeamter werde er im Zweifelsfall natürlich trotzdem die Straßenverkehrsordnung durchsetzen. Er klingelte darauf hin bei dem sündigen Autofahrer, der, wie sein Kollege herausgefunden hatte, aus der Nachbarschaft kam. Der Falschparker entfernte anschließend sein Auto von meinem Parkplatz.

Es ist noch nicht Weihnachten, auch wenn sich die Regale der Supermärkte mit entsprechenden Artikeln rasch füllen. Aber wenn ich als Verkehrsteilnehmer mit Handicap einen frühen Weihnachtswunsch frei habe, dann der: dass in der Berliner Verwaltung endlich allen Beteiligten klar ist, dass die Straßenverkehrsordnung immer auch für falsch parkende Autos gilt, egal ob sich nun das Ordnungsamt zuständig fühlt oder die Polizei einspringen muss.

Dann würde endlich dieses anhaltende Diskutieren über die Frage aufhören, wer sich nun um den Falschparker kümmert, wenn mein Parkplatz wieder einmal besetzt ist. Schließlich werde ich schon genug aufgehalten durch den Parksünder. Mir obendrein auch noch die internen Probleme der Verwaltung anhören zu müssen, kann nun wirklich nicht meine Aufgabe sein.

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„Heutzutage iss‘ allet möglisch!“

Juli 14, 2007

So dann und wann muss ich als kleiner Mensch auf diesem Blog einfach damit prahlen, dass ich ein großes Auto fahre. Aber es gibt auch immer wieder zu komische Situationen aufgrund der Tatsache, dass ich mit nur 120 cm Körperkürze einen Ford Transit steuern kann.

Neulich musste eine Kleinigkeit im Fußraum meines Busses gerichtet werden, und ich bat einen Assistenten, dies für mich zu erledigen. Um genau erklären zu können, worum es geht, kam ich mit zum Auto. Mein Assistent musste sich ganz schön verrenken und lag schnell bäuchlings quer vor Beifahrer- und Fahrersitz, um das Gewünschte auszuführen. Ich stand in meinem kleinsten Rollstuhl vor dem Auto und gab zu jedem Arbeitsschritt meine mehr oder minder hilfreichen Kommentare.

Nur noch die Beine des Assistenten schauten aus der Beifahrertür, als ein Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung auftauchte. Der Müllmann begann, Mülltonnen aus dem Müllraum unseres Hauses auf die Straße zu ziehen und vor meinem Auto aufzubauen. Offensichtlich sollte es den Kollegen auf dem Müllauto so leichter gemacht werden, die Tonnen zu leeren.

Nun sah der Stadtreiniger aber mich und die Beine meines Assistenten, die aus dem Auto ragten. Er fragte mich: „Kommt der Fahrer trotz der Tonnen aus der Parklücke raus?“ Ich freute mich über die fürsorgliche Frage und wunderte mich nicht weiter darüber, dass sie in der dritten Person an mich gerichtet war.  Das kannte ich zu genüge aus Situationen, in denen meine Gesprächspartner etwas verunsichert waren, weil sie vielleicht noch nicht allzu häufig Kontakt zu rollstuhlfahrenden und kleinen, aber trotzdem erwachsenen Mitmenschen aufgenommen hatten.

Ich antwortete also im gleichen Stil: „Ja, der Fahrer kommt so aus der Parklücke. Kein Problem.“ Der Müllmann sah mich etwas mahnend an und konterte mit Berliner Schnauze: „Ick hab‘ aber nich dich jefragt, sondern den Fahrer!“ Es gibt Tage, da komme ich bei solchen Ansagen ganz schön ins Schleudern. Nicht so an diesem Tage. Ich konnte souverän dagegen halten: „Ick bin doch der Fahrer, oder gloobste dit nich?“

Der Müllmann zuckte mit den Achseln und sagte: „Heutzutage iss allet möglisch!“ Dann trollte er sich zum nächsten Hausaufgang.

Seit dieser Begegnung grüßt mich der Stadtreiniger immer, wenn wir uns sehen. Und dann und wann ist auch ein wenig Zeit, über die schlechte Disziplin der lieben Mitmenschen beim Müllsortieren zu sprechen. Oder über den vielen Hundekot auf den Straßen oder über das Wetter. Was auch immer wir bereden, seit dieser ersten Begegnung siezen wir uns beide konsequent und sind auch nie wieder ins Berlinerische verfallen. Irgendwie komisch.

Rückwärtiger Gegenverkehr am Morgen

September 2, 2006

Ich gebe es ja zu: auch wenn das Wetter schön ist und nichts dagegen spricht, mit dem Elektro-Rollstuhl Frischluft tankend in gemütlichen dreißig Minuten zur Arbeit zu rollen, fahre ich doch oft genug die kurze Strecke mit meinem Ford Transit. Zu reizvoll ist es für mich einfach immer wieder, wenn ich mich vor dem Büro mit dem E-Stuhl aus dem Auto lifte und unbeteiligte Passanten völlig unvorbereitet staunen, dass „so ein kleiner Mann im Rollstuhl so einen großen Bus fahren kann.“ Da es in unmittelbarer Nähe zu meiner Arbeitsstelle ein Hotel gibt, in dem viele Berlin-Touristen absteigen, sind immer recht viele unvorbereitete Passanten unterwegs, wenn ich morgens komme, sodass ich garantiert unschuldige Opfer finde, deren Denken ich durcheinander bringen kann.

Aber neulich wären mir meine Eitelkeit des Andersseins und der kleine Spaß am Morgen doch beinahe zum Verhängnis geworden. Es war ein schöner Morgen. Nicht zu heiß wie zu oft im Juli, nicht zu kühl wie fast durchgehend im August. Also, eigentlich ein prima E-Rollstuhl-Wetter. Doch nein, ich wollte auf  meinen Auftritt vorm Büro einfach nicht verzichten und fuhr mit dem Auto.

Ich parkte ein. Möglichst unbeteiligt guckend und mit Unschuldsmiene klappte ich den Lift aus und hievte den E-Stuhl auf die Plattform des Lifts. Gerade als ich mich auf Straßenniveau hinab senken wollte, kam ein erster herrlich unbeteiligt und unvorbereitet aussehender Passant vorbei. Er blickte sich ausfürhlich um, so als suche er eine Hausnummer. Ich nahm ihn nur aus dem Augenwinkel wahr (denn ich hatte es mir ja zur Aufgabe gemacht, möglichst unbeteiligt drein zu schauen!). Ich dachte noch: ‚Ha! Jetzt sei doch endlich ein wenig verdutzt. Schließlich steigt hier ein schwer mehrfach behinderte Kleiner im Rollstuhl aus seinem großen, großen Bus aus. Das kannst Du einfach nicht erwartet haben!‘ Da passierte es…

Ein Auto in der Einfahrt vor meinem Parkplatz setzte sich rückwärts in Bewegung. Ich fragte mich, warum es so zielstrebig in Richtung meines ja so großen, großen Busses einschwenkte, als der herrlich unbeteiligt wirkende Passant seine Unbeteiligung schlagartig aufgab, und auf einmal ehr engagiert wurde. Ja, es schien mir, als habe er spontan ein Herz für kleinwüchsige Formel-1-Piloten zu großer Kraftfahrzeuge entwickelt und sich dem Fahrer des rückwärts setzenden Autos entgegen werfen wollen, bevor dieser in meinem Wagen krachen würde.

Erst, als ich mit dem E-Stuhl schon auf dem Asphalt des Bürgersteigs angekommen war, wurde mir klar, dass der Passant, dessen urplötzlichen Aktivitätsschub ich eben beobachten konnte, der Fahrer eben desjenigen Autos war, das sich meinem Ford unaufhaltsam rückwärts fahrend näherte. Er hatte ganz offensichtlich vergessen, die Handbremse zu ziehen, als er das Auto in der leicht abschüssigen Abfahrt abgestellt hatte. Nun stämmte er sich mit aller Kraft zwischen meinen und seinen Wagen und schaffte es tatsächlich, sein Gefährt kurz vor einem Zusammenstoß mit Muskelkraft zu stoppen.

So war ich, der anderen gern einen Moment des Unerwarteten gönne, auf einmal fast selbst Opfer einer Situation geworden, die ich nicht erwartet hatte. Das hat mich nachdenklich gemacht. Auf jeden Fall hatte ich für die nächsten paar Tage, die ein ähnlich nettes, nicht zu heißes, nicht zu kaltes Wetter versprachen, den Transit zu Hause stehen lassen und bin per E-Stuhl zur Arbeit gefahren. Man kann auf diesem Weg wirklich prima frische Luft tanken, selbst in einer Großstadt! Und erst die vielen Möwen auf der Spree an der Oberbaumbrücke…

Per Anhalter durch die Gneisenaustraße

Mai 4, 2006

Ich bin ja nicht sehr groß. Sondern mehr der Typ "winzig kleiner Rolli-Fahrer". Aber ich fahre inzwischen einen respektabel großen Ford Transit Bus. Ich tue dies, weil ich so auch meinen sperrigen Elektro-Rolli locker mit dem Auto mitnehmen kann.

Aus der Kombination "großer Bus" und "kleiner Fahrer" ergeben sich immer wieder witzige Situationen. Und die möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten. Als Auftakt einer Serie interessanter Begebenheiten möchte ich heute von einem abendlichen Erlebnis im frühlingshaften Berlin erzählen:

Neulich setzte ich meine blinde Freundin Jutta und eine gemeinsame gehbehinderte Freundin vor einer Kneipe am Südstern ab. Um anschließend in aller Ruhe einen Parkplatz für das große Auto zu suchen. So wenigstens der Plan. Aber es kam etwas anders.

Kaum angefahren musste ich wieder anhalten, weil die erste Ampel auf der Gneisenaustraße auf Rot stand. Und genau in diesem Moment klopfte eine ältere Dame an die Beifahrerscheibe. Sie hatte zwei Einkaufsüten aus Plastik bei sich und sah sehr entschlossen aus. Ich ließ die Scheibe herunter und fragte die Frau, was sie von mir wollte. Sie sagte, sie wolle nach Hause, habe aber vor, das Geld für die U-Bahn zu sparen. Ich würde dieses Problem ja kennen. (Tue ich das wirklich?) Und sie fragte mich, ob sie nicht einsteigen dürfe, damit ich sie zur nächsten U-Bahnstation fahre, wo sie wohne.

Naja, ich bin ja doch ein Gutmensch. Außerdem war kein geeigneter Parkplatz für mein ach so großes Auto in Sicht. So sagte ich, sie könne zusteigen. Dies tat sie prompt. Und sie gab sofort Anweisungen, wie weit ich fahren sollte, und wo ich sie dann hinaus lassen könnte.

Ich fuhr los. Mittlerweile hatte die Dame wohl entdeckt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Etwas misstrauisch beäugte sie die Fahrbewegungen mit meinen kurzen Armen am Lenkrad und das Gasgeben und Abbremsen mit meinen kurzen Beinen. Aber die ältere Dame hatte ein Ziel vor den Augen und offenbar nicht den Glauben verloren, dass ich sie dahin bringen würde.

Nachdem die Frau mich fast zu ihrem Fahrtziel gelenkt hatte (nein, nicht hier halten, bitte fahren sie noch über die Kreuzung vor die Apotheke), fasste sie sich ein Herz und fragte nun offensichtlich sehr besorgt, ob ich Schwierigkeiten hätte, so einen Bus zu lenken. Ich sagte schlicht, es gehe alles schon sehr gut. Schließlich seien wir ja schon eine U-Bahnstation weit gekommen. Darauf hin befahl sie mir zu halten. Als ich dies getan hatte, bedankte sie sich für die Mitfahrgelegenheit, kletterte aus dem Wagen und wünschte mir einen schönen Abend.

Zurück blieb ich mit einer dezenten Alkoholfahne, die vom Beifahrersitz hinüber wehte, und mit der perplexen Erkenntnis, dass im frisch-frechen Berlin wohl auch kleinwüchsige Schwerbehinderte zum Taxifahren taugen.

Nur der Vollständigkeit halber: meine Parkplatzsuche konnte ich nun ungestört und letztlich erfolgreich fortsetzen.