Archive for the ‘Behinderungen’ Category

Gomez köpfte doch eigentlich fünf Sekunden früher

Juni 10, 2012

Als Mario Gomez gestern Abend sein erlösendes Tor gegen Portugal in der 72. Minute des Auftaktspiels der DFB-Elf zur Euro 2012 köpfte, brüllten meine Frau und ich unser erlösendes „Tor“ mindestens fünf Sekunden, bevor sich der Ball auf dem großen Bildschirm unseres Lieblings-Cafés in der Gneisenaustraße ins portugiesische Netz senkte.

Weder sind meine Frau und ich hellseherisch veranlagt, noch hatten wir den portugiesischen Tortwart bestochen, exakt in der 72. Minute eine akute Schwäche zu zeigen.  Wir hatten schlicht einen Knopf im Ohr und uns in erster Linie auf die Hörfunk-Reportage zum Spiel von André Siems und Guido Ringel verlassen.  Und diese Reportage schilderte uns die Ereignisse einfach deutlich früher als im Fernsehen.

Das Phänomen ist keineswegs einer schludrigen Einspeisung des Fernsehsignals seitens des Cafés geschuldet. Solange ich denken kann, sind Fußball-Reportagen im Radio einfach schneller dran am Ball als die bewegten Bilder im Fernsehen. Daran hat offensichtlich auch das Zeitalter digitaler Verbreitungswege nichts geändert. Und dies führt für sehbehinderte und blinde Fußball-Fans manchmal zu einer ganz eigenen Aufmerksamkeit in ihrer unmittelbaren Umgebung…

Schauten uns die anderen Café-Besucher zunächst verständnislos an, als wir „Tooor“ brüllten, so fragten sie wenig später zögerlich nach, wieso wir das Tor von Gomez schon so früh in der Entstehungsphase hatten antezipieren können. Wir antworteten stolz „Radio“ und zeigten auf unsere Ohren mit den Kopfhörern darin. „Aha!“, war die erstaunte Antwort. Jetzt sind wir sehr gespannt, ob beim nächsten Gruppenspiel unserer Mannschaft vielleicht einige andere Besucher unseres Lieblings-Cafés in der Gneisenaustraße auch einen Knopf im Ohr haben werden. Denn dann gibt es nämlich wieder eine Vollreportage zum Spiel im Radio.

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Falschparker und Zuständigkeiten in Berlin

Oktober 16, 2010

Gestern morgen war – mal wieder – mein personenbezogener Behindertenparkplatz vor der Arbeit mit einem anderen Fahrzeug besetzt. Ich parkte deshalb notgedrungen im eingeschränkten Halteverbot und rief die Polizei an. Der Beamte am Telefon versichterte mir, dass entweder die Polizei  oder das Ordnungsamt käme, um das Problem in Augenschein zu nehmen.

Nach etwa dreißig Minuten erschien eine Polizeistreife. Ein Beamter trat zu meinem Auto und vermeldete, er habe zwei Probleme. Ein Problem wäre, dass ich bereits auf einem ausreichenden Ausweichparkplatz stünde. Ich wies ihn darauf hin, dass es sich um einen Platz innerhalb eines eingeschränkten Halteverbots handelt. Er erwiderte, dass ich dort unbeschadet stehen könne, weil ich ja einen Behindertenausweis habe. Ich entgegnete, dass ein solch eingeschränktes Halteverbot für mich als Verkehrsteilnehmer mit Handicap nur zwei, drei Stunden keine Geltung habe, nicht aber für einen ganzen Arbeitstag. (Tatsächlich gilt die Ausnahme mit einem speziellen Parkausweis für drei Stunden, aber so sattelfest war ich nicht in diesem Moment.)

Als nächstes verwies der Beamte darauf, dass für Probleme im Zusammenhang mit Parken die bezirkliche Straßenverkehrsbehörde, also das Ordnungsamt, zuständig sei. Diese Bemerkung kenne ich inzwischen schon von mindestens fünf anderen ähnlichen Anlässen. Und wie immer in dieser Situation fragte ich meinen Gesprächspartner, warum mir die Einsatzzentrale dann ihn geschickt habe, wenn er als Vertreter der Polizei gar nicht zuständig sei. Er erwiderte, er sei es leid, immer für das Ordnungsamt einspringen zu müssen, bloß weil die ihre Aufgaben nicht richtig ernst nehmen würden. (Auch diese Bemerkung kannte ich in ähnlicher Form schon von anderen Polizisten.) Aber als Polizeibeamter werde er im Zweifelsfall natürlich trotzdem die Straßenverkehrsordnung durchsetzen. Er klingelte darauf hin bei dem sündigen Autofahrer, der, wie sein Kollege herausgefunden hatte, aus der Nachbarschaft kam. Der Falschparker entfernte anschließend sein Auto von meinem Parkplatz.

Es ist noch nicht Weihnachten, auch wenn sich die Regale der Supermärkte mit entsprechenden Artikeln rasch füllen. Aber wenn ich als Verkehrsteilnehmer mit Handicap einen frühen Weihnachtswunsch frei habe, dann der: dass in der Berliner Verwaltung endlich allen Beteiligten klar ist, dass die Straßenverkehrsordnung immer auch für falsch parkende Autos gilt, egal ob sich nun das Ordnungsamt zuständig fühlt oder die Polizei einspringen muss.

Dann würde endlich dieses anhaltende Diskutieren über die Frage aufhören, wer sich nun um den Falschparker kümmert, wenn mein Parkplatz wieder einmal besetzt ist. Schließlich werde ich schon genug aufgehalten durch den Parksünder. Mir obendrein auch noch die internen Probleme der Verwaltung anhören zu müssen, kann nun wirklich nicht meine Aufgabe sein.

Der Führhund: Sozialpartner oder Raubtier?

März 31, 2010

Bei der diesjährigen Fortbildung des Vereins Lichtblicke e.V. vom 13. bis 16. Mai geht es um zwei Themen. Zum einen steht die Frage im Mittelpunkt: Der Führhund – Sozialpartner oder Raubtier? Zum anderen geht es um physiotherapeutische Ansätze zur Kräftigung und zur Entspannung des Hundes. Näheres erfahrt ihr bei der Organisatorin der Veranstaltung Jutta Rütter oder  unter: http://www.verein-lichtblicke.de/ Wir freuen uns über alle Interessentinnen und Interessenten.

Sp(r)itzenleistungen? Die paralympischen Wettbewerbe in Beijing

August 10, 2008

Sie haben also wieder begonnen: die olympischen Sommerspiele der gesunden athletischen Körper. Und sie dauern vom 8. bis 24. August 2008. Die Sommerspiele der behinderten Körper dagegen finden vom 6. bis 17. September 2008 statt. Sie heißen wie gewohnt Paralympic Games,  zweckmäßig mit dem Zusatz ihres Austragungsortes versehen – also: Beijing Paralympic Games 2008.

Bei längerem Nachdenken irritiert mich der Name ein wenig. Die Endung „-lympics“ klingt in Erinnerung an die sommerlichen Sportspiele der Nichtbehinderten ja noch recht passend,  stammt sie doch vom englischen „O-lympics“. Aber was meint wohl die Vorsilbe „para“? Schaue ich auf den Seiten der deutschsprachigen Wikipedia nach,  so wird mir für „para“ unter anderem der Spitzname einer Waffe im Online-Spiel „Counter Strike“ vorgeschlagen oder eine Kurzform für französische Fallschirmjäger.

Vom französischen Fallschirmjäger aus tasten sich meine Assoziationen über verunglückte Absprünge rascht zum Begriff „Querschnittslähmung“ vor, und tatsächlich heißt „Para-plegic“ soviel wie „gelähmt“. Aber waren die Paralympics bei ihrer Erfindung im Jahre 1948 nur eine Veranstaltung für Gelähmte? Von dem, was das Internet dazu ausspuckt, ist davon auszugehen,  dass dies mindestens bis zu den „Paralympics“ 1960 in Rom der Fall war.

Und noch etwas irritiert mich. Bei all den vielen Doping-Vorwürfen in letzter Zeit habe ich einfach mal inne gehalten und mir das Magazin „Achtung positiv! Das Doping-Webmagazin“ der ARD zu Gemüte geführt. Und welcher Bereich des Sports ist demnach wohl führend im Doping? Nein, nein, nicht der Radsport. Der kommt erst auf Platz 5. Vor allen anderen Sportarten sind es ausgerechnet die paralympischen Sportarten, bei denen die meisten Dopingfälle auftreten.

Zu dieser pikanten Erkenntnis passt eine Meldung vom 1. Juli 2008. Dort heißt es : „Dachverband der Apotheken unterstützt die paralympische Bewegung“. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt und sich fragt, ob wir uns bei den paralympischen Sommerspielen in Beijing am Ende gar über noch mehr Sp(r)itzenleistungen als bei den gerade begonnen o-lympischen Spielen freuen werden.

Vielleicht ist es aber auch nur so, dass es leichter ist, behinderte Sportlerinnen und Sportler zu kontrollieren. Oder die paralympische Bewegung verfügt noch nicht über genug Ressourcen, um Doping mit der nötigen Dezentheit umzusetzen wie es in anderen Sportarten längst üblich sein mag. Wer weiß, wer weiß…

Schmerzfreie Nacht

Juni 24, 2008

Heute war mein neuer E-Rolli im wahrsten Sinne des Wortes so „alle“, dass fast nichts mehr ging bzw. fuhr.

Ich hatte darauf spekuliert, dass die Spannungsanzeige der Batterie wie in der Bedienungsanleitung angegeben alle vier Kilometer ein Signal über die abnehmende Ladung liefern würde, aber genau das tat sie nicht. Während im so genannten „grünen Bereich“ das Erlöschen einer kleinen grüne Leuchte tatsächlich etwa alle vier Kilometer den Fortgang des Entladens signalisiert, kann ich mich auf diese Logik im gefährlichen „roten Bereich“ offensichtlich nicht verlassen. Hier gehen die Spannungsanzeigeleuchten scheinbar schon nach höchstens zwei Kilometern aus. Blöderweise gibt es nur zwei kleine Lichtlein im „roten Bereich“, während der grüne Bereich geradezu robust ausgestattet ist mit fünf Leuchten. Dass die zwei letzten Lichter so schnell ausgehen würden, damit hatte ich einfach nicht gerechnet.

Nun, ich schaffte es mit Mühe und Not, den ausgepumpten E-Rolli nach Hause zur rettenden Steckdose zu bugsieren. Weil ich noch wichtige Einkäufe zu tätigen hatte, nahm ich dann kurzerhand den alten E-Rolli und fuhr los. Dieser Rollstuhl fährt mit 6 Kilometern in der Stunde nur halb so schnell wie der neue Stuhl, deshalb kam ich mir auf einmal unendlich langsam vor.

Die vermeintliche Langsamkeit hatte aber auch ihre Vorteile – ich nahm mehr Details wahr. So hätte ich im Geschwindigkeitsrausch von 12 Kilometern pro Stunde wahrscheinlich nie die suchende Frau erblickt. Sie suchte einen Hauseingag „gegenüber von dem Spielplatz, der an einen Park grenzt.“, wie sie mir sagte. Ich gab mich ortskundig und begleitete sie für eine kurze Weile in die richtige Richtung. Als wir schließlich am gesuchten Spielplatz vorbeifuhren, wies ich darauf hin, dass sie nun am Ziel sei und wünschte ihr einen guten Tag.

Die Antwort kam prompt: „Na, sie kennen sich hier ja aus! Aber sie fahren ja sicher auch den ganzen Tag in diesem Viertel umher. Da weiß man ja automatisch, wo welche Ecke ist.“ Bevor ich protestieren und darauf verweisen konnte, dass es nicht wirklich meine große Leidenschaft ist, jeden Winkel meines Viertels mehrfach täglich zu ergründen, rief die Dame noch hinterher: „Ich wünsche Ihnen eine schmerzfreie Nacht, damit sie sich endlich einmal ausruhen können!“ Ein paar Schmerzen habe ich tatsächlich gerade – na ja so Zipperleins am Rücken. Aber ob sie die wohl gemeint hatte? Verdattert fuhr ich weiter.

Nochmals Rollstühle und Co

Januar 25, 2008

Die Sache mit dem Vergleich von Hilfsmitteln ist mir auch im neuen Jahr noch ein Anliegen. Es heißt doch immer so schön, der Kunde bzw. die Kundin sei König. Warum soll dies nicht gelten für Menschen mit Behinderung?

Irgendwann in den 80er Jahren, oder waren es schon die 70er Jahre?, sagte ein kluger Kopf der entstehenden Behindertenbewegung: wir wollten nicht mehr lieb, doof und gut zu verwalten sein! Ein hehres Ziel, das ich so im Großen und Ganzen natürlich unterstütze!

Aber immer dann, wenn es um die Beschaffung einen neuen Rollstuhl ging, habe ich mich bis vor kurzem genau so NICHT erlebt und ganz furchtbar gekniffen. Denn dann trat ich genau so auf, als wäre ich als Behinderter lieb, doof und ungemein einfach zu verwalten.

So freute ich mich jedes Mal irrsinnig, wenn der fahrbare Untersatz da war. Wie im Rausch verzieh ich dann zum Beispiel, wenn der Lieferant ein wenig selbstkritisch zu bedenken gab, dass das mit den Reparaturen eines E-Rollis im Zeitalter der Vollelektronik schwieriger werden könnte. Er sagte dann etwa, dass nun nicht mehr einfach nur ein einzelnes fehlerhaftes Bauteil austauschbar wäre, sondern gleich ganze Bausätze gewechselt werden müssten, deren Beschaffung aber oft mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Da konnte es schon vorkommen, dass ich ihm wie entrückt großzügig mitteilte, dass das doch gar nichts mache. Und dies, obwohl es mir in Wahrheit selbstverständlich sehr viel ausmacht, ob eine Reparatur zeitnah am gleichen Tag ausgeführt werden kann oder ich tagelang ohne funktionsfähigen Rolli auf dem Trockenen sitze.

Nun, inzwischen ist die Tendenz zur lieben, doofen und leichten Verwaltbarkeit bei mir weitgehend verflogen. Und ich stritt das erste Mal mit meiner Krankenkasse darüber, dass mein neuer E-Rollstuhl sowohl auf meine Bedürfnisse als kleiner Mensch zugeschnitten sein muss, als auch auf die Notwendigkeit, dass ich mich mit dem E-Stuhl in Wohnungen und im Freien unfallfrei bewegen kann.

Dieser Streit war überfällig und ich rufe noch einmal mutig in die Runde, hier von den Erfahrungen mit Hilfsmitteln zu berichten. Für uns Betroffene kann es von unschätzbarem Wert sein zu erfahren, ob ein Hilfsmittel in der Praxis etwas taugt bzw. in welcher Umgebung es dies tut, und in welcher nicht, bevor wir uns darüber mit unserer Kranken- oder Gesundheitskasse streiten.

Und damit mein Aufruf nicht abstrakt bleibt, hier noch ein Erfahrungsbericht zur Firma „Tünkers“. Die Firma „Tünkers Maschinenbau“ stellt unter anderem auch Elektro-Roll- und Hub-Stühle her. Das aktuelle Modell heißt „Butler II“ und ist batteriebetrieben. Ich habe es zwei Jahre benutzt, dann waren neue Batterien fällig. Aber das war nicht so einfach. Ich muss feststellen: so eine miserable Abwicklung eines Batteriewechsels habe ich noch nie erlebt! Fünf ganze Monate, angefüllt mit Schreiben und Telefonaten in Richtung Firma Tünkers, musste ich warten, bis die Batterien gewechselt wurden und ich den Stuhl an meinem Arbeitsplatz wieder benutzen konnte.

Wie ist es Ihnen mit Ihren Hilfsmitteln ergangen? Ganz ähnlich oder auch ganz anders? Schreiben Sie mir bitte von ihren Erfahrungen. Nur gemeinsam können wir es vielleicht schaffen, im Bereich der so genannten Hilfsmittelversorgung als ernstzunehmende Verbraucherinnen und Verbraucher wahrgenommen zu werden!

Rollstühle und andere Hilfsmittel vergleichen?

November 21, 2007

Oft genug hat sich mein Elektro-Rollstuhl der Firma „Meyra“ nun im Kreis gedreht. Der schöne Name „Optimus“ war hier definitiv nicht Programm. Vielmehr war das Gegenteil der Fall: immer wieder gab es einen Fehler auf der Lenkplatine, so dass die Lenkung dauerhaft einschlug und der Stuhl nur noch im Kreis rollte. Das war höchstens feierlich, wenn es auf der Tanzfläche einer Hochzeit passierte. Es war ganz und gar unfeierlich, wenn es auf dem Nachhauseweg auf einer belebten Straße Berlins oder aus heiterem Himmel mitten im Urlaub geschah.

Angestoßen von derart negativen Erfahrungen, beginne ich mich zu fragen, ob eine Art „Stiftung Warentest“ auch für Rollstühle möglich wäre. Eine erste Recherche führt mich ins Internet – ohne erfolgreiche Ergebnisse.

Gebe ich in der bekanntesten Suchmaschine „Google“ den Begriff „Rollstuhl“ als Suchkriterium an, erscheinen zuerst (Stand: 20.11.2007) die Adresse eines so genannten Discount-Sanitätshauses, dann ein Artikel aus der Wikipedia zum Thema „Rollstuhl“ und schließlich diverse Einträge von Herstellern von Rollstühlen und von Anbietern von Reisen für „Rolli-Nutzer“. Danach hinterlassen einschlägige Sportclubs ihre Adresse usw.

Einen übersichtlichen Vergleich zu Rollstühlen, zu ihren Vorzügen und Nachteilen, zu ihrem Preis und zu den Kosten für den Unterhalt suche ich hier vergeblich. Gibt es eine solche Seite noch nicht, oder ist sie bei den großen Suchmaschinen-Anbietern dieser Tage nur nicht verzeichnet?

Wie sind eigentlich die Erfahrungen der geneigten Leserinnen und Leser zu diesem Thema? Funktioniert der Rollstuhl so, wie Sie es sich gedacht haben? Wie sieht es mit anderen Hilfsmitteln aus? Und wer weiß von ihren Erfahrungen?

Sollten es nicht auch eine Art „Verbrauchercheck“ für Hilfsmittel geben? Was halten Sie davon?

Der alte Mann an der Bushaltestelle

Oktober 22, 2007

Heute stehe ich an der Bushaltestelle. Ja, es gibt Tage, da bin ich auf den öffentlichen Großbus angewiesen, weil sich der private Kleinbus in der Werkstatt befindet.

Ich schaue also auf den Fahrplan und stelle fest, dass ich den Bus um eine „Formel 1“-verdächtige Minute verpasst habe. Es ist kalt, der erste Wintertag in Berlin, und das ende Oktober! Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke ein Stückchen höher und stelle mich auf zwanzig Minuten Gefrierzeit ein.

Da passiert es. Ich habe ihn gar nicht kommen hören. Aber auf einmal schiebt sich von hinten ein Gesicht vor meine Augen. Ein freundliches Gesicht, mit Lachfalten um die Augen und mit höflichem Abstand. Trotzdem kann ich sofort den pfefferminzigen Atem riechen.

Dann erscheint ein älterer gebückter Mann in meinem Blickfeld, dem dieses wache Gesicht offensichtlich gehört. Der Mann sagt, dass er erkältet sei. Dann fragt er, wie ich in den Bus kommen werde. An Menschen, wie mich, denke man ja viel zu wenig. Ich versuche, ihn und mich mit der Aussage zu beruhigen, dass der Busfahrer eine kleine Klapprampe am mittleren Einstieg umlegen könne, und ich dann einfach mit meinem Rollstuhl in den Bus hinein führe.

Ja, ja, pflichtet er mir bei, und seine Augen blitzen, dies sei ja genauso wie in der U-Bahn, wo der Fahrer auch eine kleine Rampe anlegen würde, wenn sich ein Rollstuhlfahrer bei ihm bemerkbar machte. Ich bewundere ihn für seine Gabe, so genau hinzugucken. Dann sagt er, dass er früher U-Bahnfahrer gewesen sei. Und dass er bis vor wenigen Jahren dafür gekämpft habe, dass wirklich alle mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren könnten.

Bevor ich bemerken kann, dass ich seinen Einsatz für behinderte Menschen sehr schätze, klagt der alte Mann, seinen Stock nicht dabei zu haben. Das Gehen ohne Stock fiele ihm nämlich sehr schwer, eigentlich bräuchte er jetzt den Stock. Ich will auch etwas dazu sagen, doch schon fragt er, wie alt ich sei. Ich antworte, ich wäre gerade 34 Jahre alt geworden. Er fängt fast an zu weinen und sagt mehr für sich als für mich, dass dies noch so viele Lebensjahre wären. Dann hält er plötzlich inne und fragt, ob ich erraten würde, wie alt er denn sei. Ich sage, dies sei schwer zu schätzen. Er klopft sich den Daumen der linken Hand auf die Brust und antwortet, er sei inzwischen 80 Jahre alt, aber das sehe ich ihm doch wirklich nicht an, oder?

Ich verneine, weil ich ihn wirklich nicht auf 80 Jahre geschätzt hätte. Er antwortet, dass seine Lebensgefährtin 75 Jahre alt sei und er ihr etwas aus der Apotheke besorgen sollte. Wenn er doch nur seinen Stock dabei hätte…

Dann fragt er mich, ob ich denn arbeiten würde. Ich bejahe, er klopft mir mehrfach auf die Schulter und wünscht mir viel Glück für mein berufliches Leben. Bevor er geht, murmelt er noch, dass es sich immer lohne, etwas aufzubauen. So wäre er stolz darauf, seinen Teil zum Wiederaufbau der Trümmerstadt Berlin beigetragen zu haben.

In diesem Moment ertappte ich mich bei der Frage, was er wohl davon gehalten hätte zu erfahren, dass ich als Psychologe nicht unmittelbar etwas aufbaue.  Aber ich halte meinen Mund und dann ist er ja auch schon weg.

„Heutzutage iss‘ allet möglisch!“

Juli 14, 2007

So dann und wann muss ich als kleiner Mensch auf diesem Blog einfach damit prahlen, dass ich ein großes Auto fahre. Aber es gibt auch immer wieder zu komische Situationen aufgrund der Tatsache, dass ich mit nur 120 cm Körperkürze einen Ford Transit steuern kann.

Neulich musste eine Kleinigkeit im Fußraum meines Busses gerichtet werden, und ich bat einen Assistenten, dies für mich zu erledigen. Um genau erklären zu können, worum es geht, kam ich mit zum Auto. Mein Assistent musste sich ganz schön verrenken und lag schnell bäuchlings quer vor Beifahrer- und Fahrersitz, um das Gewünschte auszuführen. Ich stand in meinem kleinsten Rollstuhl vor dem Auto und gab zu jedem Arbeitsschritt meine mehr oder minder hilfreichen Kommentare.

Nur noch die Beine des Assistenten schauten aus der Beifahrertür, als ein Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung auftauchte. Der Müllmann begann, Mülltonnen aus dem Müllraum unseres Hauses auf die Straße zu ziehen und vor meinem Auto aufzubauen. Offensichtlich sollte es den Kollegen auf dem Müllauto so leichter gemacht werden, die Tonnen zu leeren.

Nun sah der Stadtreiniger aber mich und die Beine meines Assistenten, die aus dem Auto ragten. Er fragte mich: „Kommt der Fahrer trotz der Tonnen aus der Parklücke raus?“ Ich freute mich über die fürsorgliche Frage und wunderte mich nicht weiter darüber, dass sie in der dritten Person an mich gerichtet war.  Das kannte ich zu genüge aus Situationen, in denen meine Gesprächspartner etwas verunsichert waren, weil sie vielleicht noch nicht allzu häufig Kontakt zu rollstuhlfahrenden und kleinen, aber trotzdem erwachsenen Mitmenschen aufgenommen hatten.

Ich antwortete also im gleichen Stil: „Ja, der Fahrer kommt so aus der Parklücke. Kein Problem.“ Der Müllmann sah mich etwas mahnend an und konterte mit Berliner Schnauze: „Ick hab‘ aber nich dich jefragt, sondern den Fahrer!“ Es gibt Tage, da komme ich bei solchen Ansagen ganz schön ins Schleudern. Nicht so an diesem Tage. Ich konnte souverän dagegen halten: „Ick bin doch der Fahrer, oder gloobste dit nich?“

Der Müllmann zuckte mit den Achseln und sagte: „Heutzutage iss allet möglisch!“ Dann trollte er sich zum nächsten Hausaufgang.

Seit dieser Begegnung grüßt mich der Stadtreiniger immer, wenn wir uns sehen. Und dann und wann ist auch ein wenig Zeit, über die schlechte Disziplin der lieben Mitmenschen beim Müllsortieren zu sprechen. Oder über den vielen Hundekot auf den Straßen oder über das Wetter. Was auch immer wir bereden, seit dieser ersten Begegnung siezen wir uns beide konsequent und sind auch nie wieder ins Berlinerische verfallen. Irgendwie komisch.

Schreibblockaden lösen

Juni 7, 2007

Ich bin blockiert, und zwar schreibblockiert. Und dies schon seit Wochen. Aber jetzt wird es Zeit, diese Blockaden zu lösen. Dies hat nichts mit dem gerade an der Ostsee tobenden G8-Gipfel zu tun. Obwohl auch hier einige Blockaden eine Rolle spielen. Aber ich will ja nicht durch ein möglichst häufiges Erwähnen des Stichwortes „G8“ meine Seitenaufrufe nach vorne katapultieren. Dies wäre ja fast schon ein Blog-Doping, und das würde dann wieder an die Doping-Geständnissse einiger Rad-Profis erinnern. Womit ein anderes leser-heischendes Stichwort gefallen wäre …

Nein, hier soll es nicht um das Aufbessern irgendwelcher Blog-Statistiken gehen, sondern darum, wie ich wieder in einen Schreibfluss gelangen kann. Deshalb stelle ich hier einfach mal knapp zwei Themen vor, die mir gerade einfallen.

Zum einen die immer noch geltende Maxime in unserer Gesellschaft: „Behinderte sind stets per Du anzusprechen“. Ich stand neulich im Supermarkt vor einem Kühlregal. Eine Ware, die mich interessierte, war Lichtjahre entfernt von dem Greif-Radius meiner Hände. Neben mir standen eine junge Frau und ihr männlicher Begleiter. Die Arme der beiden schienen OK und in der Lage zu sein, in ungeahnte Welten vorstoßen zu können. Ich fragte die beiden also: „Könnten Sie mir bitte den Artikel XY aus dem Regal reichen?“ Er antwortet: „Klar, gern! Aber was genau willst Du haben?“

Zum anderen muss ich auf meine Behauptung vom April 2006 eingehen, dass der Screenreader „VoiceOver“ des Mac-Betriebssystems noch nicht einmal mit seiner eierlegenden Wollmilchsaus „iTunes“ reden mag. Zur Erinnerung: ein Screenreader ist ein Programm, dass blinden Menschen die Inhalte auf dem Bildschirm eines Computers vorliest. Nun, inzwischen redet „VoiceOver“ auf einem Mac auch mit „iTunes“.

So, das war es für heute. Die Schreibblockaden haben, so glaube ich, wieder die Oberhand erlangt. Aber mal sehen, für wie lange …