Archive for the ‘Berliner Leben’ Category

Gomez köpfte doch eigentlich fünf Sekunden früher

Juni 10, 2012

Als Mario Gomez gestern Abend sein erlösendes Tor gegen Portugal in der 72. Minute des Auftaktspiels der DFB-Elf zur Euro 2012 köpfte, brüllten meine Frau und ich unser erlösendes „Tor“ mindestens fünf Sekunden, bevor sich der Ball auf dem großen Bildschirm unseres Lieblings-Cafés in der Gneisenaustraße ins portugiesische Netz senkte.

Weder sind meine Frau und ich hellseherisch veranlagt, noch hatten wir den portugiesischen Tortwart bestochen, exakt in der 72. Minute eine akute Schwäche zu zeigen.  Wir hatten schlicht einen Knopf im Ohr und uns in erster Linie auf die Hörfunk-Reportage zum Spiel von André Siems und Guido Ringel verlassen.  Und diese Reportage schilderte uns die Ereignisse einfach deutlich früher als im Fernsehen.

Das Phänomen ist keineswegs einer schludrigen Einspeisung des Fernsehsignals seitens des Cafés geschuldet. Solange ich denken kann, sind Fußball-Reportagen im Radio einfach schneller dran am Ball als die bewegten Bilder im Fernsehen. Daran hat offensichtlich auch das Zeitalter digitaler Verbreitungswege nichts geändert. Und dies führt für sehbehinderte und blinde Fußball-Fans manchmal zu einer ganz eigenen Aufmerksamkeit in ihrer unmittelbaren Umgebung…

Schauten uns die anderen Café-Besucher zunächst verständnislos an, als wir „Tooor“ brüllten, so fragten sie wenig später zögerlich nach, wieso wir das Tor von Gomez schon so früh in der Entstehungsphase hatten antezipieren können. Wir antworteten stolz „Radio“ und zeigten auf unsere Ohren mit den Kopfhörern darin. „Aha!“, war die erstaunte Antwort. Jetzt sind wir sehr gespannt, ob beim nächsten Gruppenspiel unserer Mannschaft vielleicht einige andere Besucher unseres Lieblings-Cafés in der Gneisenaustraße auch einen Knopf im Ohr haben werden. Denn dann gibt es nämlich wieder eine Vollreportage zum Spiel im Radio.

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Der mächtige Sound der Vuvuzelas

Juli 4, 2010

Der Abendspaziergang begann völlig harmlos. OK, er war zu warm wie in ganz Berlin an diesem Abend. Aber was soll’s: zu Hause war es noch stickiger. Und draußen mochte zwar kein wirklich laues Lüftchen geweht haben, aber immerhin wehte ein Lüftchen. Das macht in den heutigen heißen Tagen schon einen wesentlichen Unterschied!

Wie auch immer, wir spazierten am Landwehrkanal entlang, als es passierte. Deutlich, sehr deutlich für unsere inzwischen geschulten Ohren, war sie vernehmbar: die Vuvuzela. Ein unverschämt lauter und heller Ton, wie wir ihn bei unserem heimlichen Vuvuzela-Training nur ganz manchmal hinbekommen haben. Wer trötete da mit einer ungekannten Professionalität von welchem Balkon? Irritiertes Umschauen beantwortete diese Frage prompt. An einem geöffneten Fenster hinter herunter gelassenen Vorhängen in der vierten Etage eines unauffälligen Hauses blitzte ein plastik-gelber Trichter hervor. Diesen Trichter kannten wir natürlich gut von unseren eigenen Vuvuzelas, die wir über eine bekannte Supermarkt-Kette erworben hatten.

Auf einmal – in der abendlichen Hitze von 32 Grad und einer Restsonnenbescheinung – war alles ganz klar: wir Freunde des Vuvuzelas-Sounds sollten uns nicht länger verstecken hinter herunter gelassenen Vorhängen. Vielmehr müssten wir uns organisieren für kommende und ohne Zweifel tolle Vuvuzela-Konzerte – selbstbewusst und sogar offen für abgestimmte Mehrstimmigkeit.

Und wenn es mit solcherlei grandiosen Auftritten vielleicht doch nicht klappen sollte, weil uns der Mut fehlen sollte, so wäre wenigstens eine eigene Selbsthilfegruppe sinnvoll, die diskret im Verborgenen arbeiten würde: die Gruppe der AVS – also der Anonymen Vuvuzela-Spieler. Denn die Vuvuzela-Lust lässt uns nicht los genau so wenig wie Jogis Team in diesen Tagen. In diesem Sinne: Gimme hope Joachim!

Hammer und Zirkel im Ährenkranz – Macht der Gewohnheit

Juni 27, 2009

Neulich in aller Frühe. Auf dem Weg mit dem Auto zu einem Termin, bei dem ich viel reden würde müssen. Also, da lag richtig Arbeit vor mir, aber meine Stimme klebte irgendwie noch an meinem Kopfkissen zu Hause. Doch das süße Kissen war mit jedem gefahrenden Kilometer Lichtjahre weiter weg, ob ich es wollte oder nicht. Also mußten ein paar Sprachübungen her. Das sah blöd aus, besonders an roten Ampeln. Allein, meine Stimme schien immer noch fest zu schlafen.

Da beschloss ich, Lieder mit Niveau zu singen. Zunächst fiel mir „Hoch auf dem gelben Wagen“ ein und die Tatsache, dass dies mal launig ein Präsident der alten Bundesrepublik mit Vornamen Walter zum besten gegeben hatte. Wie hieß er noch gleich? Scheel? Egal, die Tatsache, dass ich weder hoch auf einem Wagen saß, noch dass dieser gelb war, sondern blau, ließ meine Stimmbänder offensichtlich zur der Erkenntnis gelangen, dass es absolut keinen Grund gab, die knautschig verklebte Gemütlichkeit aufzugeben.

Deshalb besann ich mich auf ein Mittel, das bis dato noch immer geholfen hatte: DDR-Lieder! Ich vergewisserte mich, dass die Fenster im Auto geschlossen waren. Und dann schmetterte ich der Frühlingssonne das Weltjugendlied entgegen, so gut ich es konnte. Kaum Atem geholt, aber bereits ein bisschen „immer bereit“, wie es die Pionierorganisation im Osten stets gefordert hatte, schmiss ich dann noch die absolute Perle meiner gesanglichen Chor-Ausbildung der DDR hinterher – das einzigartige Lied zur Fahne der ostdeutschen demokratischen Republik: „Hammer und Zirkel im Ährenkranz

In dem Lied geht es darum, dass Schmiedehämmer, klug geführte Zirkel am Reißbrett und eine durchdachte Aussaat der Ähren dafür sorgen, dass der DDR ein Glück bereits an der Wiege beschert wird und ihr Ruhm sogleich über die Grenzen des Vaterlandes ausstrahlt. Schwerer Tobak, aber das ganze wird in einer Art Hymne besungen, die es in sich hat, da sie sich Schritt für Schritt aufschwingt zu nicht enden wollendem Jubel. Jedes mal, wenn ich dieses Lied fertig gesungen habe, stoße ich daher automatische Hoch-Rufe auf Erich Honecker an, obwohl ich einer sehr systemkritischen Familie entstamme, die bereits 1988 die DDR verlassen hat.

So geschieht es auch diesmal: ich krakele noch völlig gelöst den Ruf der Freien Deutschen Jugend „Freundschaft“ heraus, als ich die Autotür öffne und mich schließlich daran erinnere, dass wir nun schon mindestens 20 Jahre in einer neuen Zeit leben, die auch ich in ihren Grundzügen so gewollt habe. Aber was solls: meine Stimmbänder sind aus ihrer Nachtruhe erwacht: Macht der Gewohnheit…

Wengler – darauf hat Neukölln gewartet!

Februar 10, 2009

Auf diese Art von Werbung haben es Jutta Wengler und ihr Mann bestimmt nicht abgesehen. Da ist ein Blog so tot, wie ein Blog nur tot sein kann im schnelllebigen Alter des „Web 2.0“. Und nun will dieses Blog ausgerechnet mit Reklame für ein neues Neuköllner Restaurant wieder an Aktualität gewinnen.

Doch sei es drum. Weil der Inhaber des Blogs gerne gut isst, möchte er hier freimütig für eine neue, ehrliche Neuköllner Instanz in der Reuterstraße werben. Eine Instanz, die sich Einheimische wie Du und Ich schon lange im Kiez gewünscht haben. Hier gibt es Wiener Schnitzel, Bauernfrühstück, aber auch Röstitaler mit Lachs zu realen Preisen. Zudem werden Leber auf Salat, Käsespätzle und Variationen vom Schnitzel angeboten. Zu all diesen Gerichten wird ein gepflegtes Bier gezapft oder ein stimmiger Wein gereicht.  Das ist  einfach „knorke“! 

Und der Clou: das Restaurant belebt nicht nur das Herz von Neukölln, sondern ist auch ohne Stufen zugänglich. Außerdem wird Menschen mit Sehbehinderungen gern geholfen. Ein einziger Wermutstropfen bleibt: die Toiletten sind für breitere Rollstühle leider nicht geeignet.

Und wenn auch nicht alle Barrieren vom sehr freundlichen Personal aus dem Weg geräumt werden können, ein Besuch des „Wenglers“ sei hier dennoch wärmstens emfohlen. Kontakt: Wengler, Reuterstraße 85, 12053 Berlin. Telefon: 030 / 62 00 59 55

 

 

Schmerzfreie Nacht

Juni 24, 2008

Heute war mein neuer E-Rolli im wahrsten Sinne des Wortes so „alle“, dass fast nichts mehr ging bzw. fuhr.

Ich hatte darauf spekuliert, dass die Spannungsanzeige der Batterie wie in der Bedienungsanleitung angegeben alle vier Kilometer ein Signal über die abnehmende Ladung liefern würde, aber genau das tat sie nicht. Während im so genannten „grünen Bereich“ das Erlöschen einer kleinen grüne Leuchte tatsächlich etwa alle vier Kilometer den Fortgang des Entladens signalisiert, kann ich mich auf diese Logik im gefährlichen „roten Bereich“ offensichtlich nicht verlassen. Hier gehen die Spannungsanzeigeleuchten scheinbar schon nach höchstens zwei Kilometern aus. Blöderweise gibt es nur zwei kleine Lichtlein im „roten Bereich“, während der grüne Bereich geradezu robust ausgestattet ist mit fünf Leuchten. Dass die zwei letzten Lichter so schnell ausgehen würden, damit hatte ich einfach nicht gerechnet.

Nun, ich schaffte es mit Mühe und Not, den ausgepumpten E-Rolli nach Hause zur rettenden Steckdose zu bugsieren. Weil ich noch wichtige Einkäufe zu tätigen hatte, nahm ich dann kurzerhand den alten E-Rolli und fuhr los. Dieser Rollstuhl fährt mit 6 Kilometern in der Stunde nur halb so schnell wie der neue Stuhl, deshalb kam ich mir auf einmal unendlich langsam vor.

Die vermeintliche Langsamkeit hatte aber auch ihre Vorteile – ich nahm mehr Details wahr. So hätte ich im Geschwindigkeitsrausch von 12 Kilometern pro Stunde wahrscheinlich nie die suchende Frau erblickt. Sie suchte einen Hauseingag „gegenüber von dem Spielplatz, der an einen Park grenzt.“, wie sie mir sagte. Ich gab mich ortskundig und begleitete sie für eine kurze Weile in die richtige Richtung. Als wir schließlich am gesuchten Spielplatz vorbeifuhren, wies ich darauf hin, dass sie nun am Ziel sei und wünschte ihr einen guten Tag.

Die Antwort kam prompt: „Na, sie kennen sich hier ja aus! Aber sie fahren ja sicher auch den ganzen Tag in diesem Viertel umher. Da weiß man ja automatisch, wo welche Ecke ist.“ Bevor ich protestieren und darauf verweisen konnte, dass es nicht wirklich meine große Leidenschaft ist, jeden Winkel meines Viertels mehrfach täglich zu ergründen, rief die Dame noch hinterher: „Ich wünsche Ihnen eine schmerzfreie Nacht, damit sie sich endlich einmal ausruhen können!“ Ein paar Schmerzen habe ich tatsächlich gerade – na ja so Zipperleins am Rücken. Aber ob sie die wohl gemeint hatte? Verdattert fuhr ich weiter.

Der alte Mann an der Bushaltestelle

Oktober 22, 2007

Heute stehe ich an der Bushaltestelle. Ja, es gibt Tage, da bin ich auf den öffentlichen Großbus angewiesen, weil sich der private Kleinbus in der Werkstatt befindet.

Ich schaue also auf den Fahrplan und stelle fest, dass ich den Bus um eine „Formel 1“-verdächtige Minute verpasst habe. Es ist kalt, der erste Wintertag in Berlin, und das ende Oktober! Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke ein Stückchen höher und stelle mich auf zwanzig Minuten Gefrierzeit ein.

Da passiert es. Ich habe ihn gar nicht kommen hören. Aber auf einmal schiebt sich von hinten ein Gesicht vor meine Augen. Ein freundliches Gesicht, mit Lachfalten um die Augen und mit höflichem Abstand. Trotzdem kann ich sofort den pfefferminzigen Atem riechen.

Dann erscheint ein älterer gebückter Mann in meinem Blickfeld, dem dieses wache Gesicht offensichtlich gehört. Der Mann sagt, dass er erkältet sei. Dann fragt er, wie ich in den Bus kommen werde. An Menschen, wie mich, denke man ja viel zu wenig. Ich versuche, ihn und mich mit der Aussage zu beruhigen, dass der Busfahrer eine kleine Klapprampe am mittleren Einstieg umlegen könne, und ich dann einfach mit meinem Rollstuhl in den Bus hinein führe.

Ja, ja, pflichtet er mir bei, und seine Augen blitzen, dies sei ja genauso wie in der U-Bahn, wo der Fahrer auch eine kleine Rampe anlegen würde, wenn sich ein Rollstuhlfahrer bei ihm bemerkbar machte. Ich bewundere ihn für seine Gabe, so genau hinzugucken. Dann sagt er, dass er früher U-Bahnfahrer gewesen sei. Und dass er bis vor wenigen Jahren dafür gekämpft habe, dass wirklich alle mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren könnten.

Bevor ich bemerken kann, dass ich seinen Einsatz für behinderte Menschen sehr schätze, klagt der alte Mann, seinen Stock nicht dabei zu haben. Das Gehen ohne Stock fiele ihm nämlich sehr schwer, eigentlich bräuchte er jetzt den Stock. Ich will auch etwas dazu sagen, doch schon fragt er, wie alt ich sei. Ich antworte, ich wäre gerade 34 Jahre alt geworden. Er fängt fast an zu weinen und sagt mehr für sich als für mich, dass dies noch so viele Lebensjahre wären. Dann hält er plötzlich inne und fragt, ob ich erraten würde, wie alt er denn sei. Ich sage, dies sei schwer zu schätzen. Er klopft sich den Daumen der linken Hand auf die Brust und antwortet, er sei inzwischen 80 Jahre alt, aber das sehe ich ihm doch wirklich nicht an, oder?

Ich verneine, weil ich ihn wirklich nicht auf 80 Jahre geschätzt hätte. Er antwortet, dass seine Lebensgefährtin 75 Jahre alt sei und er ihr etwas aus der Apotheke besorgen sollte. Wenn er doch nur seinen Stock dabei hätte…

Dann fragt er mich, ob ich denn arbeiten würde. Ich bejahe, er klopft mir mehrfach auf die Schulter und wünscht mir viel Glück für mein berufliches Leben. Bevor er geht, murmelt er noch, dass es sich immer lohne, etwas aufzubauen. So wäre er stolz darauf, seinen Teil zum Wiederaufbau der Trümmerstadt Berlin beigetragen zu haben.

In diesem Moment ertappte ich mich bei der Frage, was er wohl davon gehalten hätte zu erfahren, dass ich als Psychologe nicht unmittelbar etwas aufbaue.  Aber ich halte meinen Mund und dann ist er ja auch schon weg.

Finale!

September 30, 2007

Da ist es also wieder: mein Fähnchen-Problem. Die Frauen Deutschlands stehen im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Und kaum einer hier in Berlin gibt dies zu erkennen. Das finde ich schon seltsam!

Ich erinnere mich noch an das Vorjahr, als die Jungens ihre Fußball-WM ausgefochten haben. Damals gab es Fähnchen mit den Farben der Bundesrepublik an jedem Auto und auch sonst überall.

Nun habe ich mit dem Schwenken nationaler Symbole immer noch so meine Probleme. Aber dass da für den heutigen Tag gar nichts läuft, kann doch auch nicht sein, oder? Schließlich stehen „unsere Frauen“ dort, wo es „unsere Männer“ im letzten Jahr nicht mehr hin geschafft haben.

Ab 14.00 Uhr unserer Zeit heute geht es los – und zwar in China und gegen Brasiliens Fußball-Frauen. Radio und Fernsehen werden live berichten.

Und so habe ich das Bier vorgekühlt, das Stimmchen geölt und werde mir ab dem frühen Nachmittag immer wieder aufmunternd im Spiegel zurufen: „Es kann nur eine Weltmeisterinnen-Nation geben – und zwar unsere Frauen!“ Fähnchen-Problem nun hin oder eben her…

P.R. Kantate bei Jürgen Jürgens?

Juli 28, 2007

Letzten Mittwoch hat Jürgen Jürgens, ein Moderator des Berliner Stadtradios „88,8“ stellvertretend die Sendung „Deutsche Vita“ moderiert und auch einige Songs von P.R. Kantate aus dem aktuellen Albulm „Dick in Jeschäft“ gespielt. Danach verwies er auf seine eigene Sendung „Hey Music“ am Montag, 30. Juni, und sagte, dass dort mehr von P.R. Kantate zu hören wäre. Ob P.R. Kantate dann wohl auch selbst im Studio ist? Am Montag um 19.30 Uhr das Stadtradio einschalten und mehr erfahren …

Übrigens: das Berliner Stadtradio ist auch über das Internet zu hören. Man benötigt lediglich den Realplayer.

„Heutzutage iss‘ allet möglisch!“

Juli 14, 2007

So dann und wann muss ich als kleiner Mensch auf diesem Blog einfach damit prahlen, dass ich ein großes Auto fahre. Aber es gibt auch immer wieder zu komische Situationen aufgrund der Tatsache, dass ich mit nur 120 cm Körperkürze einen Ford Transit steuern kann.

Neulich musste eine Kleinigkeit im Fußraum meines Busses gerichtet werden, und ich bat einen Assistenten, dies für mich zu erledigen. Um genau erklären zu können, worum es geht, kam ich mit zum Auto. Mein Assistent musste sich ganz schön verrenken und lag schnell bäuchlings quer vor Beifahrer- und Fahrersitz, um das Gewünschte auszuführen. Ich stand in meinem kleinsten Rollstuhl vor dem Auto und gab zu jedem Arbeitsschritt meine mehr oder minder hilfreichen Kommentare.

Nur noch die Beine des Assistenten schauten aus der Beifahrertür, als ein Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung auftauchte. Der Müllmann begann, Mülltonnen aus dem Müllraum unseres Hauses auf die Straße zu ziehen und vor meinem Auto aufzubauen. Offensichtlich sollte es den Kollegen auf dem Müllauto so leichter gemacht werden, die Tonnen zu leeren.

Nun sah der Stadtreiniger aber mich und die Beine meines Assistenten, die aus dem Auto ragten. Er fragte mich: „Kommt der Fahrer trotz der Tonnen aus der Parklücke raus?“ Ich freute mich über die fürsorgliche Frage und wunderte mich nicht weiter darüber, dass sie in der dritten Person an mich gerichtet war.  Das kannte ich zu genüge aus Situationen, in denen meine Gesprächspartner etwas verunsichert waren, weil sie vielleicht noch nicht allzu häufig Kontakt zu rollstuhlfahrenden und kleinen, aber trotzdem erwachsenen Mitmenschen aufgenommen hatten.

Ich antwortete also im gleichen Stil: „Ja, der Fahrer kommt so aus der Parklücke. Kein Problem.“ Der Müllmann sah mich etwas mahnend an und konterte mit Berliner Schnauze: „Ick hab‘ aber nich dich jefragt, sondern den Fahrer!“ Es gibt Tage, da komme ich bei solchen Ansagen ganz schön ins Schleudern. Nicht so an diesem Tage. Ich konnte souverän dagegen halten: „Ick bin doch der Fahrer, oder gloobste dit nich?“

Der Müllmann zuckte mit den Achseln und sagte: „Heutzutage iss allet möglisch!“ Dann trollte er sich zum nächsten Hausaufgang.

Seit dieser Begegnung grüßt mich der Stadtreiniger immer, wenn wir uns sehen. Und dann und wann ist auch ein wenig Zeit, über die schlechte Disziplin der lieben Mitmenschen beim Müllsortieren zu sprechen. Oder über den vielen Hundekot auf den Straßen oder über das Wetter. Was auch immer wir bereden, seit dieser ersten Begegnung siezen wir uns beide konsequent und sind auch nie wieder ins Berlinerische verfallen. Irgendwie komisch.

Ich mach‘ selten Werbung, aber …

Juli 1, 2007

Ich wollte hier ja eigentlich nie Werbung machen. Aber gerade bin ich auf Musik gestoßen – für die muss ich mich einfach ins Zeug legen! Der Berliner Sänger P.R. Kantate hat ein neues Album raus gebracht, es heißt: „Dick in Jeschäft“. Und das ist jut! Richtig juut!

Das „P. R.“ im Namen von Kantate steht für „Platten Reiter“, ist also eine Eindeutschung von „DJ“ bzw. „Disc Jockey“. Und das Eindeutschen von Englischem bzw. das Vermischen scheinbar unvereinbarer Stile ist Programm: P.R. Kantate singt zumeist auf Deutsch, aber die Lieder kommen stets als Reggae oder Ragga daher, oft gemischt mit Rap-Einlagen. Das Ganze würzt er noch mit einer großzügigen Prise Berliner Dialekt und nennt es dann „Berlingua“. Ich nenne es einfach großartig!

Aufmerksam geworden bin ich auf P.R. Kantate schon 2003, als er mit seinem Song „Görli, Görli“ wochenlang in den Berliner Radiosendern zu hören war. In dem Song wird auf eingängige Weise neben dem titelgebenden Görlitzer Park so ungefähr jeder wichtige und unwichtige Platz Berlins und so manche Straße besungen. Deshalb lässt dieses Lied auch heute noch mein echtberliner Herz immer wieder höher schlagen.

Nach 2003 wurde es um P.R. Kantate jedoch wieder still. Sehr still. Im Radio hörte ich nichts mehr von ihm, und nur in einem Online-Musikgeschäft gab es hin und wieder ein kleines Lebenszeichen in Form eines neuen Liedchens, das zum Runterladen angeboten wurde. Und weil es so still um Herrn Kantate war, habe ich auch sein erstes Album verpasst, mit dem er im letzten Jahr beim Publikum vorstellig wurde.

Doch nun gibt es seit dem 22. Juni  ja „Dick in Jeschäft“. Mit diesem Album sollte P.R. Kantate tatsächlich wieder aus der Stille heraustreten können und vielleicht auch wirklich dick ins Geschäft kommen.

Herr Kantate hat auf seinem Album nämlich gleich einen ganzen Stapel guter Lieder veröffentlicht, und was für welche! Es sind alles Cover von Songs aus den 80ern. Seine intelligenten Arrangements und sein Wortwitz machen jedoch fast jeden Track zu einer Neuschöpfung und echten Entdeckung. Und so gibt es nicht nur ein Wiederhören, sondern vor allem ein Neuhören von alten NDW-Hits wie den „Blauen Augen“, „Eisbär“ oder „Da, da, da“. Wir machen Bekanntschaft mit „Karl dem Kiffer“, der nicht gefragt wird, und der uns verdammt stark an das Schicksal eines gleichnamigen Käfers erinnert. Schließlich erfahren wir im „König von Kreuzberg“, dass ein Königreich nicht gleich deutschland-groß sein muss, um darin gute Taten zu vollbringen.

Aber das Album bietet  noch mehr. So hören wir in einer Neuauflage des Puhdys-Klassikers „Geh zu ihr“, dass es Vorteile haben kann, wenn niemand weiß, dass Mann „Hosenscheißer“ heißt. Und wir lernen, dass P.R. Kantate auch englischsprachige Schmachtfetzen in fetzige Reggae-Nummern umschreiben kann. Selbst vor zweifelhaften Ergüssen wie einem „You’re My Heart, You’re My Soul“ von Modern Talking macht seine Cover-Wut nicht halt. Bei ihm heißt es dann „U me Heart“ und ist ebenfalls richtig nett.

Mein Fazit: auch wenn mich jetzt niemand direkt danach gefragt hat, rate ich unbedingt zur  Anschaffung des neuesten Werkes von P.R. Kantate. Denn wie heißt es so schön? „Dieses Album sollte in keiner gut sortierten Plattensammlung fehlen!“

Oder wie Herr Kantate vielleicht sagen würde: „Jehste in Laden und koofst dit schnuckelige Ding, bin ick wieda dick in Jeschäft.“