Archive for the ‘Familie’ Category

Hammer und Zirkel im Ährenkranz – Macht der Gewohnheit

Juni 27, 2009

Neulich in aller Frühe. Auf dem Weg mit dem Auto zu einem Termin, bei dem ich viel reden würde müssen. Also, da lag richtig Arbeit vor mir, aber meine Stimme klebte irgendwie noch an meinem Kopfkissen zu Hause. Doch das süße Kissen war mit jedem gefahrenden Kilometer Lichtjahre weiter weg, ob ich es wollte oder nicht. Also mußten ein paar Sprachübungen her. Das sah blöd aus, besonders an roten Ampeln. Allein, meine Stimme schien immer noch fest zu schlafen.

Da beschloss ich, Lieder mit Niveau zu singen. Zunächst fiel mir „Hoch auf dem gelben Wagen“ ein und die Tatsache, dass dies mal launig ein Präsident der alten Bundesrepublik mit Vornamen Walter zum besten gegeben hatte. Wie hieß er noch gleich? Scheel? Egal, die Tatsache, dass ich weder hoch auf einem Wagen saß, noch dass dieser gelb war, sondern blau, ließ meine Stimmbänder offensichtlich zur der Erkenntnis gelangen, dass es absolut keinen Grund gab, die knautschig verklebte Gemütlichkeit aufzugeben.

Deshalb besann ich mich auf ein Mittel, das bis dato noch immer geholfen hatte: DDR-Lieder! Ich vergewisserte mich, dass die Fenster im Auto geschlossen waren. Und dann schmetterte ich der Frühlingssonne das Weltjugendlied entgegen, so gut ich es konnte. Kaum Atem geholt, aber bereits ein bisschen „immer bereit“, wie es die Pionierorganisation im Osten stets gefordert hatte, schmiss ich dann noch die absolute Perle meiner gesanglichen Chor-Ausbildung der DDR hinterher – das einzigartige Lied zur Fahne der ostdeutschen demokratischen Republik: „Hammer und Zirkel im Ährenkranz

In dem Lied geht es darum, dass Schmiedehämmer, klug geführte Zirkel am Reißbrett und eine durchdachte Aussaat der Ähren dafür sorgen, dass der DDR ein Glück bereits an der Wiege beschert wird und ihr Ruhm sogleich über die Grenzen des Vaterlandes ausstrahlt. Schwerer Tobak, aber das ganze wird in einer Art Hymne besungen, die es in sich hat, da sie sich Schritt für Schritt aufschwingt zu nicht enden wollendem Jubel. Jedes mal, wenn ich dieses Lied fertig gesungen habe, stoße ich daher automatische Hoch-Rufe auf Erich Honecker an, obwohl ich einer sehr systemkritischen Familie entstamme, die bereits 1988 die DDR verlassen hat.

So geschieht es auch diesmal: ich krakele noch völlig gelöst den Ruf der Freien Deutschen Jugend „Freundschaft“ heraus, als ich die Autotür öffne und mich schließlich daran erinnere, dass wir nun schon mindestens 20 Jahre in einer neuen Zeit leben, die auch ich in ihren Grundzügen so gewollt habe. Aber was solls: meine Stimmbänder sind aus ihrer Nachtruhe erwacht: Macht der Gewohnheit…

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Ein Abschied

Januar 25, 2007

Keine Rast (Hermann Hesse)

Seele, banger Vogel du,
immer wieder mußt du fragen:
Wann nach so viel wilden Tagen
kommt der Friede, kommt die Ruh?

Ob, ich weiß: kaum haben wir
unterm Boden stille Tage,
wird vor neuer Sehnsucht dir
jeder liebe Tag zur Plage.

Und du wirst, geborgen kaum,
dich um neue Leiden mühen
und voll Ungeduld den Raum
als der jüngste Stern durchglühen.

Am 20. Januar 2007 zwischen 8.50 Uhr und 9.00 Uhr starb mein lieber Onkel in einem gastfreundlichen Hospiz in Berlin-Moabit. Er war es, der mich vor langer, langer Zeit mit der Computertechnik bekannt gemacht hatte.

Seine Ungeduld und sein Lebenswille haben der ungünstigen Prognose der Ärzte Jahre lang getrotzt. Aber zu guter Letzt musste der zähe Segler dann doch seine Segel endgültig einholen.

Sein Tod schmerzt und ich vermisse ihn.

Woher die Ahnen kommen

April 12, 2006

Heute möchte ich über eine Einrichtung und ihren Entstehungshintergrund berichten, die ich während meines Schüleraustausches in den Vereinigten Staaten von Amerika 1991/92 kennen gelernt habe. Ich lebte damals bei einer Familie in der Nähe von Salt Lake City, der Stadt, die 2002 Austragungsort der olympischen Winterspiele war.

Salt Lake City liegt im Bundesstaat Utah, einer Region in den USA, die hauptsächlich von Mormonen, oder korrekter: von Angehörigen der Kirche Jesus Christi der Heiligen der letzten Tage, bewohnt wird. 'Aha!', wird die geneigte Leserin oder der geneigte Leser jetzt vielleicht denken, 'kein Alkohol, aber Vielweiberei.' Nun, dass mit dem Alkohol stimmt. Mormonen trinken tatsächlich keinen. Und sie rauchen auch nicht. Ja, nicht einmal Kaffee und Schwarztee nehmen sie zu sich. Aber das mit der Vielweiberei ist so schon lange nicht mehr richtig. Diese wurde den Mormonen durch ihren kirchlichen Führer schon Ende des 19. Jahrhunderts verboten.

Ein wichtiger Glaubenssatz der Mormonen besagt, dass sich jeder je auf Erden gelebter Mensch frei entscheiden können muss, ob er sich in ihrem Sinne bekehren lassen will oder nicht. Nun sind die Heiligen der letzten Tage jedoch eine vergleichsweise junge Religionsgemeinschaft. Die Kirche formierte sich erst um 1830. Bis dahin hatten schon viele Menschen gelebt, ohne je die Chance gehabt zu haben, Mormone zu werden.

Aber dies ist für die Mormonen ein lösbares Problem. Die Mormonen glauben, dass sich Verstorbene auch nach ihrem Tod noch zu Heiligen der letzten Tage bekehren lassen können. Sie gehen davon aus, dass die Verstorbenen in einer Art Geisterwelt auf das jüngste Gericht warten. Und in dieser Geisterwelt seien inzwischen auch ihre Missionare aktiv, also verstorbene Mormonen.

Einen Haken hat die Sache dann aber doch. Ein Verstorbener, der zum Glauben der Mormonen übertritt, muss auf der Erde durch einen jetzt lebenden Gläubigen, der den Namen des Verstorbenen kennt, stellvertretend getauft werden.

Nun sind die Heiligen der Letzten Tage natürlich sehr daran interessiert, möglichst allen je gelebten Menschen die Möglichkeit zum Übertritt zu ihrem Glauben zu geben. Jede Familie sucht deshalb akribisch nach Vorfahren, die dann prophylaktisch durch ein heute lebendes Familienmitglied stellvertretend getauft wird, stets in der Hoffnung, der Ahne sei inzwischen in der Geisterwelt zur Aufnahme in die Kirche bereit.

Um all die Vorfahren zu finden, die da in der Geisterwelt, so wie sie sich die Mormonen vorstellen, existieren, müssen aktive Mitglieder der Kirche Jesus Christi genaue Ahnenforschung betreiben. Zu diesem Zwecke haben sie in Salt Lake City ein Ahnenforschungszentrum etabliert, das einmalig ist auf unserer Erde.

Ich habe das Zentrum während meines Schüleraustausches kennen gelernt und dort viele Stunden für meine Gastfamilie und für deren Freunde mit deutscher Abstammung verbracht, um anhand von Mikrofiche-Kopien alter ostptreußischer oder pommerscher Kirchenbücher nach Ahnen zu suchen.

Das Ahnenforschungszentrum steht aber nicht nur gläubigen Mormonen offen, sondern selbstverständlich allen an Ahnenforschung interessierten Menschen. Besuchen Sie es einmal – entweder ganz real in Salt Lake City in Utah oder auf der Homepage des Zentrums. Viel Erfolg bei Ihren Recherchen!